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Mythos Crunch - Schädlich für den Rücken?

Mein Kollege Tobias Saueressig, PT, Dipl.-Volkswirt veröffentlichte am 25.07.2017 auf seinem Blog "evidenzbasiertephysiotherapie.de" eine sehr interessanten Beitrag zum Thema "Sind Crunches schädlich für den Rücken", den ich nicht umkommentiert lassen und vertiefen möchte. Im meinem Arbeitsfeld der Physiotherapie und des Personal Fitness Trainings sehe ich mich sehr häufig mit dieser Problematik konfrontiert, da sowohl meine Patienten wie auch meine Kunden - geprägt von Halbwissen aus der einschlägigen Trivial-Literatur - mythenbehaftete Übungen kommunizieren, die vom Crunch aus oben geschriebenem Grund eine Absage erteilen.Dabei geht es nicht um die Effizienz. Zweifelsohne gibt es effizientere Übungen zum Training der Bauchmuskulatur als den Crunch. Diese sind aber im Alltag schwerlich nachweisbar, weil es dazu der Messung der EMG-Aktivität bedarf, was wiederum nur mit sehr teuren Messgeräten möglich ist, um auch die tieferen Muskelschichten erfassen zu können. Deswegen beschränke ich mich hier nur auf die Wirkung auf den Rücken.

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Folgende Aussagen bezüglich der Effekte und Auswirkungen des Crunch dürfen als relevant angesehen werden.

[...] Es findet weder eine funktionelle noch strukturelle Verkürzung des Musculus Rectus Abdominus statt. [...]

Wie alle Muskeln des menschlichen Organismus verkürzt auch der gerade Bauchmuskel in struktureller Sicht erst dann, wenn er über einen längeren Zeitraum (mindestens 12 Wochen) vollkommen ruhig gestellt wird. Er würde in dieser Zeit nicht nur mindestens 60 % seiner Ausgangskraft verlieren, sondern auch zu nutzlosem Bindegewebe degenerieren. Dieser Prozess findet aber im alltäglichen Leben nicht statt (Ausnahmen sind Koma, Trauma etc.). Der Prozess ist nicht reversibel (umkehrbar). Eher finden wir funktionelle Einschränkungen. Diese treten immer dann auf, wenn nicht oder selten über das FROM (Full Range Of Motion) bewegt wird. Das ist im Alltag schon eher zu finden. Allerdings hat die Bauchmuskulatur nur ein sehr geringes Bewegungsausmaß, so dass es kein Problem darstellen sollte, diese wenigstens einmal täglich über das volle Bewegungsausmaß zu aktivieren.

[...] Regelmäßiges Dehnen ist nicht notwendig, um alltäglich Beweglichkeit zu erhalten. [...]

Merke: Die Rede ist hier von der alltäglichen Beweglichkeit (Form follows Function - die Form folgt der Funktion). Wer den ganzen Tag sitzt wird eine funktionelle Einschränkung seiner Hüftbeugemuskulatur erfahren. Aber keine Verkürzung im strukturellen Sinne. Und diese Einschränkung macht ihm im Alltag sicher keine Probleme, weil er zwischendurch immer wieder aufsteht und das volle Bewegungsausmaß abruft. Etwas anderes ist es, wenn zur Erzielung einer sportlichen Höchstleistung ein bestimmtes Bewegungsausmaß erforderlich ist. Dann allerdings bedarf es auch des täglichen und lebenslangen Trainings, wenn diese Beweglichkeit täglich und ein Leben lang abgerufen werden soll.

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[...] Die Bauchmuskulatur hat stabilisierende wie mobilisierende Funktion. [...]

Es ist ein Irrglaube, dass Bauchmuskeln nur einen stabilisierenden Einfluss haben, denn die Funktion der Bauchmuskulatur ist situationsabhängig. Sie verfolgt sowohl stabilisierende wie mobilisierende Elemente und arbeitet - wie jeder andere Muskel auch - sowohl agnostisch wie antagonistisch, konzentrisch wie exzentrisch!

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[...] Motorisches Lernen differenziert zwischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. [...]

Fähigkeiten sind genetisch determiniert und deswegen kaum veränderbar (wie ich kürzlich bei einem Vortrag über Genetik bestätigt bekam). Fertigkeiten dagegen sind hervorragend zu trainieren. Ein positiver Transfer findet dabei jedoch nicht statt. Meint: Jemand der gut Kniebeugen kann, ist deswegen kein guter Tennisspieler. Jemand, der sehr gut Tennis spielen kann, ist nicht automatisch ein guter Golfer. Was trainieren Sie, wenn Sie tiefe Kniebeugen können wollen? Richtig! Tiefe Kniebeugen. Oder würden Sie auf die Idee kommen, den Armbizeps zu trainieren, damit Sie besser Kniebeugen machen können? Selbstverständlich nicht.
Kräftigungsübungen haben über ihren Kräftigungseffekt hinaus keine Auswirkungen auf eine Fertigkeit!

Image Waldlauf Vechta

Gerne füge ich hier immer folgendes Beispiel ein - provokant durchaus, jedoch plausibel: 
Sie möchten ein effizientes und schnelles Tennisspiel erlernen. Ihr Trainier verordnet Ihnen jede Woche zur Verbesserung der Grundlagenausdauer Waldläufe. Erklären Sie mir bitte den tieferen Sinn der Maßnahme. Wachsen auf dem Tennisplatz Bäume? Nein! Spielen Sie im Wald Tennis? Nein! Kann man die Grundlagenausdauer auch anders trainieren? Ja, und zwar tennisspezifisch auf dem Tennisplatz. Wenn Sie ein Match mit einer Dauer von drei Stunden überstehen wollen, müssen Sie lernen, drei Stunden auf dem Tennisplatz zu spielen und nicht im Wald zu laufen. Ein Satz wird statistisch mit den beiden ersten Schlägen entschieden. Was müssen Sie also trainieren? Kraftvoll, schnell, aggressiv und dynamisch zu schlagen. Das wird Ihnen mit langandauernden Waldläufen kaum gelingen - oder glauben Sie wirklich, dass Serena Williams stundenlange Waldläufe absolviert hat?

[...] Beim Crunch wird hauptsächlich die Brustwirbelsäule gebeugt und nicht die Lendenwirbelsäule, die für Bandscheibenvorfälle eher anfällig ist. [...]

Dabei ist das vollständige Abheben des Oberkörpers bei fixierten Beinen nicht als Crunch zu verstehen. Dies ist definitionsgemäß ein SitUp.

[...] Der Crunch ist nicht generell schädlich für den Rücken. [...]

Vielmehr gehen von ihm einige positive Effekte für den Rücken aus:
  • Steigerung der Beweglichkeit der Wirbelsäule, hier vornehmlich der Brustwirbelsäule.
  • Verbesserung des Stoffwechsels der Bandscheiben.
  • Kraftsteigerung und Muskelwachstum der Bauchmuskulatur, hier vornehmlich des m. rectus abdominus.

Die Erfolg beim Training wünscht 
Jürgen Pagel

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