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Physiotherapeut - der missverstandene Beruf

Fazit
Ich bin überzeugt: Wenn wir uns auf unsere Fähigkeiten besinnen (und mit diesen brauchen wir uns weiß Gott nicht verstecken) und diese selbstbewusst nach Außen tragen, wenn wir lernen Nein zu sagen, wenn wir endlich zueinander stehen und dort, wo es Sinn macht Kooperationen bilden und dort, wo es einfach nur um Verdrängung geht, uns auch diesem Wettbewerb konsequent stellen - es muss schließlich nicht jeder ein selbstständiger Physiotherapeut werden, dann werfen wir unseren Bauchladen über Bord und antworten auf die Frage: "Was machen Sie eigentlich beruflich?" "Physiotherapeut!".

Was ist ein Physiotherapeut?

Geht es nach der Meinung des Volkes, ist es ein Masseur, der während seines Berufslebens an der Bank steht und Leute knetet. Es ist jemand, der auch in seiner Freizeit alle, die ihm über den Weg laufen, massiert. Seine oder ihre Kinder, seine Frau oder ihren Mann, die Oma, die Tante - einfach Jeden. Er ist ein Handlanger der Ärzteschaft, denn eigenständig arbeiten darf er nicht (das hat er sozusagen sogar amtlich gem. eines Urteils des BGH). Er führt die Dienste aus, zu denen ein Arzt keine Lust hat, denn Manuelle Medizin, Sportmedizin, Osteopathie und Magnetfeldtherapie (die übrigens beide nicht zu den erlernten Fähigkeiten eines Physiotherapeuten gehören) macht der Arzt selber. Er ist jemand, den man zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedweder privaten Veranstaltung fragen kann und darf, warum es gerade jetzt am Knie weh tut, wieso der Rücken zwickt und er gibt bereitwillig sowie kostenlos Auskunft.



Physiotherapeuten sind Menschen, die ihr Geld im Schlaf verdienen und solches auch bekommen, wenn der Patient eine Stunde vor dem Termin absagt. Das sind Angehörige eines Berufes, von denen selbstverständlich erwartet wird, dass sie jeden behandeln - egal, ob er oder sie Patient 10 Minuten zu spät kommt, ob er oder sie gewaschen ist oder nicht und die allzeit bereit sind, ihre Dienste zur Verfügung zu stellen.

Ja, ich weiß. Das ist in anderen Berufen ähnlich. Beim Zahnarzt. Beim Orthopäden. Aber Physiotherapeuten haben immer das Gefühl, besser nicht zu sagen, was sie beruflich machen (weil sie die Konsequenzen kennen) und irgendwie müssen sie sich immer erklären.

Sind das die Eigenschaften eines Physiotherapeuten?

Dazu müssen wir ein wenig die Geschichtskenntnisse bemühen.

[...] Verrenkungen, Verspannungen, Rückenschmerzen und viele andere schmerzhafte Zustände der knöchernen Struktur sowie der Muskeln und Gelenke begleiten die Menschheit seit Menschengedenken. Es hat schon immer Personen gegeben, die das Wissen hatten, diese Beschwerden durch gezielte Hand-Griffe zu behandeln. Im 18. Jahrhundert soll sich in Nordamerika eine "bonesetting" (zu deutsch: Knochen richten) genannte Technik verbreitet haben, während in Europa mit Einzug der Industrialisierung verschiedene alte und neue Behandlungstechniken größere Popularität erlangten. Seitdem entwickelt sich die Arbeit an Muskeln und Gelenken bis heute weiter auf der Suche nach passenden Lösungen für Funktionsstörungen, die aus Fehlbelastungen des Bewegungsapparates resultieren, bei einem sich kontinuierlich wandelnden Lebensstil. Was einst als reine "Knochen"-Arbeit begann, bezieht heute die Verbindungen der Knochen, Muskeln und Gelenke untereinander und zum gesamten Organismus mit ein. [...]



Vom Krankengymnast zum Physiotherapeut

[...] Physiotherapeutische Behandlungen haben sich in Deutschland aus der Krankengymnastik (auch Heilgymnastik) heraus entwickelt. 1994 wurde im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Bezeichnung Krankengymnast durch die Bezeichnung Physiotherapeut ersetzt, weil diese weltweit in Gebrauch ist und deshalb von jedem verstanden werden sollte. Im Ursprung basiert das physiotherapeutische Behandlungskonzept auf einem rein schulmedizinischen Ansatz. Das bedeutet, ein für eine Beschwerde verantwortlicher, nachweisbarer Auslöser wird diagnostiziert und therapiert, bis die funktionale Störung beseitigt ist. [...]

Paradigmenwechsel

[...] Seit den 90er Jahren hat in der Ausbildung eine stetige Diskussion stattgefunden, was zu einem kontinuierlichen Wechsel in den Lehrmeinungen (Paradigmenwechseln) und einer sinnmachenden Weiterentwicklung und Erweiterung physiotherapeutischer Kompetenzen geführt hat. Vor allem durch die Erkenntnisse aus neurologischen Studien ist der Stellenwert neurologischer Faktoren in der Physiotherapie gewachsen und hat das Spektrum physiotherapeutischer Arbeit ausgeweitet. Dabei ist der therapeutische Ansatz ganzheitlicher geworden, was zur Folge hat, das der Mensch in seiner Gesamtheit weiter in den Mittelpunkt gerückt wird und neben seinen medizinisch erklärbaren physischen Funktionsstörungen auch die vegetativen und seelischen, nachvollziehbaren Komponenten in eine Therapie miteinbezogen werden, sofern sie das medizinische Denken nicht in Frage stellen. [...]

[...] Deshalb gehören neben detaillierten anatomischen und physiologischen Kenntnissen eines Therapeuten soziale Kompetenz und ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen mit zu den Voraussetzungen, die ein Physiotherapeut mitbringen sollte, um den vielfältigen Herausforderungen gerecht zu werden und um therapeutisch sinnvolle Lösungsstrategien entwickeln zu können. [...]

[...] Physiotherapie gehört zu den manuellen Therapien, wird aber je nach Diagnose durch den Einsatz von physikalischen Reizen (z. B. Thermo-, Hydro- und Elektrotherapie) erweitert. Grundlagen für die physiotherapeutischen Untersuchungs- und Behandlungstechniken bilden
das muskuloskelettale System
das System der inneren Organe und Gefäße
das System Neuromotorik, Sensorik und Psyche

Fast alle medizinischen Fachbereiche können sich der physiotherapeutischen Kenntnisse und Fertigkeiten bedienen. Und so praktizieren Physiotherapeuten nicht nur in eigener Praxis, sondern auch ambulant oder stationär in Krankenhäusern, Rehabilitations- oder Pflegeeinrichtungen. Der Erfahrungsschatz eines Physiotherapeuten ist somit eine unverzichtbare Komponente in der gesundheitlichen Versorgung unserer Gesellschaft. [...]

Soweit die Theorie. Aber ist es nicht gerade diese enorme Vielseitigkeit, die dazu beiträgt, Physiotherapeuten die notwendige Anerkennung als eigenständiges Berufsbild zu versagen? Irgendwie klingt das doch alles nach einem Bauchladen.

Schauen wir uns doch die Behandlungsziele näher an.

Behandlunsgziele

[...] Das Ziel einer physiotherapeutischen Behandlung ist die Harmonisierung, Wiederherstellung, Verbesserung, Erhaltung oder Förderung des Bewegungsapparates und der Körperfunktionen bei gleichzeitiger Reduzierung von Schmerzen. Physiotherapie kann auch präventiv eingesetzt werden. Je nach Art der Behandlung können körpereigene Reaktionen gestärkt und die Selbstheilungskräfte gefördert werden. Physiotherapie wird dabei eingesetzt, um Beschwerden und Erkrankungen vorzubeugen oder um Wohlbefinden, Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu steigern. [...]

An dieser Zielsetzung wird deutlich, dass der Begriff "Krankengymnastik" die Bedeutung und die Möglichkeiten der Physiotherapie nicht wirklich abbildet.

Zu schwammig, zu umfassend und zu ungenau sind die Definitionen. "Kann", muss aber nicht, "Selbstheilungskräfte" - ist das nicht vielmehr eine Domäne der Heilpraktiker und Homöopathen? Harmonisierung? War das nicht etwas Esoterisches?

Hilfe zur Selbsthilfe

[...] Ein Aspekt, der in einer Behandlung im Zentrum stehen soll, ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Einem Patienten sollen "Werkzeuge" an die Hand gegeben werden, die er über seine Therapie hinaus im Alltag selbstständig und eigenverantwortlich einsetzen kann, um erneute Beschwerden eigenständig zu lindern. Dazu können die Schulung von motorischen Fähigkeiten, Körperhaltung, Gelenkentlastungen, koordiniertes Bewegen im Gleichgewicht genauso wie ergonomische Beratungen am Arbeitsplatz gehören. [...]

Aber gerade diese Aspekte bedingen die Eigenverantwortlichkeit eines Patienten. Ist diese nicht vorhanden - und unser derzeit bestehendes Gesundheitssystem zielt darauf ab, genau das zu vermeiden, bricht das Gerüst zusammen und bleibt auf Grund der schlechten Bezahlung aktiver Maßnahmen bei der Massage einzelner Körperregionen.

[...] Obwohl vor allem der theoretische Ausbildungshintergrund eines Physiotherapeuten stark schulmedizinisch geprägt ist und somit die Diagnosestellung auf wissenschaftlich anerkannten Erkenntnissen basiert, kann die Umsetzung einer Therapie jedoch allein durch manuelle Therapien erfolgen, ohne jeglichen Einsatz von Medikamenten oder operativen Eingriffen. Die manuellen Techniken stellen für sich genommen natürliche Heilmittel dar und kommen einem alternativmedizinischen Ansatz schon sehr nahe, auch wenn die Physiotherapie entwicklungsgeschichtlich der Schulmedizin entscheidend näher steht. Entscheidend ist die persönliche Einstellung des Therapeuten. [...]

Die Entfernung von der schulmedizinischen Prägung macht es so schwierig, den Beruf des Physiotherapeuten exakt zu definieren.

Solche Phänomene sind in anderen Berufszweigen auch immer wieder zu beobachten. Fragt man einen Personal Fitness Trainer nach seiner Orientierung, wird auch er sich schwer tun, exakt zu antworten. Je nach persönlicher Neigung, lässt er dem Frager sehr viel Interpretationsspielraum und diese Vielschichtigkeit bietet eben auch viel Spielraum für Spekulationen. Und genau genommen sind die Physiotherapeuten ein Opfer der Spekulation geworden. Die Menschen um uns herum spekulieren. Sie haben nämlich keine Zeit, seitenlange Definitionen zu lesen und ihnen ist es auf Grund der enormen Vielseitigkeit des Berufsbildes nicht klar, was genau eigentlich ein Physiotherapeut macht. Deswegen tun wir uns auch so schwer, auf die eigentlich einfache Frage: "Was machen Sie eigentlich beruflich?" kurz und prägnant zu antworten. Zu unterschiedlich sind die therapeutischen Ansätze, zu Vielschichtig sind die Einsatzmöglichkeiten eines Physiotherapeuten, als das man eine solche Frage innerhalb von vier Stockwerken in einem Aufzug beantworten könnte (Elevator Pitch).

Aber genau da muss unser Ansatz liegen.

Eine immer wiederkehrende Forderung ist die nach Evidenz. Natürlich sind wir uns bewusst, dass nicht alles, was Physiotherapeuten machen, eine Evidenz hat. Das ist auch gar nicht erforderlich, denn Evidenz PLUS Erfahrung ist gleich Können! Offen zu sein für Neues ist kein Hindernis, sondern eine Tugend des "Klugen", wohingegen das Zehren aus der Erfahrung eine Eigenschaft des "Normalen" ist. Es würde ja schon reichen, wenn wir Therapieformen, welche über keinerlei Evidenz verfügen aus unseren Sequenzen entfernen und diese einfach weglassen. Der "Bauchladen" würde deutlich kleiner werden. Physiotherapeuten verabreichen keine Globuli und Physiotherapeuten empfehlen keine Heilkräuter. Physiotherapeuten lymphen keine Strukturen, bei denen die Wissenschaft die Sinnlosigkeit dieses Tuns nachgewiesen hat. Physiotherapeuten bieten keine Osteopathie an, weil diese ihre Evidenz bis heute nicht unter Beweis gestellt hat. Physiotherapeuten massieren nicht Patienten, weil diese es wünschen. Medizin ist kein Wunschkonzert, sondern eine ernste Wissenschaft und genau auf dieser Ebene sollten wir uns bewegen.



Wundern wir uns?

Wir brauchen uns nicht wirklich wundern, warum wir weder von Ärzten noch von Patienten ernst genommen werden. Zu unterschiedlich sind die therapeutischen Ansätze. Im Zeitalter der Einfachheit haben die Physiotherapeuten es schlicht versäumt, sich entsprechend zu positionieren. Denn ein Bauchladen ist extrem hinderlich. Er bietet alles und nichts. Der Patient sucht sich etwas aus und wenn das Passende nicht dabei ist, geht er halt zum Nächsten. So funktioniert Medizin nicht. Das ist nicht wissenschaftlich, sondern Mumpitz.

Wer so arbeiten möchte, soll das in Berufen wie dem des Heilpraktikers ausleben. Wir können den Menschen um uns herum nicht die allumfassende Lösung bieten und sollten es auch nicht versuchen. Das ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Und genau das ist es, was uns seit Jahrzehnten umtreibt. Die Angst vor dem Scheitern. Forciert durch zu geringe Gehälter. Denn die bescheidenden bis unverschämten Vergütungen, die in unserem Sektor bezahlt werden, führen zwangsläufig zu solchen Auswüchsen wie sektoralem HP (Heilpraktiker), Voll-HP, Osteopath und Ähnlichem. Deswegen wird versucht, sein schmales Budget mit Kinesiotaping, Flossing und ähnlichem evidenzfreien "therapeutischen" Ansätzen aufzubessern.

Fazit

Ich bin überzeugt: Wenn wir uns auf unsere Fähigkeiten besinnen (und mit diesen brauchen wir uns weiß Gott nicht verstecken) und diese selbstbewusst nach Außen tragen, wenn wir lernen Nein zu sagen, wenn wir endlich zueinander stehen und dort, wo es Sinn macht Kooperationen bilden und dort, wo es einfach nur um Verdrängung geht, uns auch diesem Wettbewerb konsequent stellen - es muss schließlich nicht jeder ein selbstständiger Physiotherapeut werden, dann werfen wir unseren Bauchladen über Bord und antworten auf die Frage: "Was machen Sie eigentlich beruflich?" "Physiotherapeut!".


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