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#ohnemeinenphysiotherapeuten ... geht nix!


#ohnemeinenphysiotherapeuten lautet der Hashtag, mit dem eine Facebook-Gruppe rund um die Physiotherapie in Deutschland Furore machen wird.

Warum?

Wikipedia schreibt: [...] Physiotherapie (altgriechisch φύσιςphýsis „Natur“/„Körper“ und θεραπείαtherapeía„Dienen, Pflege, Heilung“, somit in etwa „das Wiederherstellen der natürlichen Funktion“), früher auch Krankengymnastik, ist eine Form spezifischen Trainings und der äußerlichen Anwendung von Heilmitteln, mit der vor allem die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers wiederhergestellt, verbessert oder erhalten werden soll. [...]

[...] Die Behandlungen werden von Physiotherapeuten und in Teilbereichen von Masseuren und medizinischen Bademeistern durchgeführt. Physiotherapeut ist in Deutschland kein eigenständiger Heilberuf, sondern gehört zu den Gesundheitsfachberufen (früher Heilhilfsberufe). Die medizinische Notwendigkeit einer Behandlung wird ausschließlich durch Ärzte oder Heilpraktiker festgestellt und auf Rezept verordnet, außer bei präventiven Maßnahmen. Sporttherapeuten, -wissenschaftler und -lehrer erfüllen nicht die Zulassungsvoraussetzungen als Physiotherapeut und dürfen physiotherapeutische Heilmittel wie z. B. Krankengymnastik weder erbringen noch abrechnen. [...]

[...] Die Physiotherapie orientiert sich bei der Behandlung an den Beschwerden und den Funktions-, Bewegungs- bzw. Aktivitätseinschränkungen des Patienten, die bei der physiotherapeutischen Untersuchung festgestellt werden. Sie nutzt sowohl diagnostische und auf clinical reasoning basierende, wie auch pädagogische und manuelle Kompetenzen des Therapeuten. Gegebenenfalls wird sie ergänzt durch natürliche physikalische Reize (z. B. Wärme, Kälte, Druck, Strahlung, Elektrizität) und fördert die Eigenaktivität (koordinierte Bewegung sowie die bewusste Wahrnehmung) des Patienten. Die Behandlung ist an die anatomischen und physiologischen, motivationalen und kognitiven Gegebenheiten des Patienten angepasst. Dabei zielt die Behandlung einerseits auf natürliche, physiologische Reaktionen des Organismus (z. B. motorisches LernenMuskelaufbau und Stoffwechselanregung), andererseits auf ein verbessertes Verständnis der Funktionsweise des Organismus (Dysfunktionen/Ressourcen) und auf eigenverantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper ab. Das Ziel ist die Wiederherstellung, Erhaltung oder Förderung der Gesundheit und dabei sehr häufig die Schmerzfreiheit bzw. -reduktion. [...]

Die Physiotherapie ist seit Jahrzehnten ein stiefmütterlich behandeltes Gebiet des Heilwesens. Ärzte, Hebammen, Krankenkassen und Patienten nehmen immer wieder einen großen Teil der Berichterstattung in Presse, Rundfunk und Fernsehen in Anspruch und sind dadurch in der Öffentlichkeit präsent. Die Physiotherapie kann das für sich nicht in Anspruch nehmen. Einzig Dr. Roy Kühne, selber Lehrer und Physiotherapeut sowie seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages hat es verstanden, die Thematik in der Politik zu etablieren.

Trotz der hohen Verantwortung, die Physiotherapeuten im Gesundheitswesen übernehmen, liegen die Durchschnittsgehälter für Berufseinsteiger in Bad.-Württ. bei ca. 2.100 Euro Brutto, in einigen Bundesländern mit 1.600 Euro Brutto sogar noch weit darunter. Seit Jahren schwelt ein Streit mit den Vertragspartnern, den gesetzlichen Krankenkassen über die Honorierung, welche bis vor einem Jahr an die Grundlohnsummenentwicklung gekoppelt war. Diese wurde nun für drei Jahre ausgesetzt. Was danach kommt, weiß niemand. Nun also - selbst in Anbetracht von Vergütungen (Bayern in drei Jahren insgesamt ca. 30%, in anderen Bundesländern deutlich weniger) - von einer Entspannung der Einkommenssituation zu sprechen, scheint vermessen. Behandlungszeiten werden zurückgehen, der bereits eingetretene Fachkräftemangel - schon vor mehr als 10 Jahren angekündigt - ist in vollem Umfang eingetreten und schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht.

Abb. 1 Mangelberufe in Deutschland, 2016, Agentur für Arbeit

Um eine nachhaltige Verbesserung der Einkommenssituation von Physiotherapeuten zu erzielen, müssen die Steigerungen auch erst einmal an die Mitarbeiter weitergereicht werden. Solange dies nicht geschieht, werden Wartezeiten für Patienten bis zu sechs Wochen keine Ausnahme bleiben. 

Der Nachwuchs fehlt

Eine Ausbildung an einer nichtstaatlichen Berufsfachschule kostet durchschnittlich ca. 12.000 Euro. Nicht eingerechnet sind Fahrtkosten und Lernmaterialien. Erforderliche Zertifikatspositionen verschlingen nochmals ca. 10.000 Euro in den ersten fünf Jahren, denn ohne diese Positionen können wesentliche Therapieformen gegenüber den Krankenkassen nicht in Anrechnung gebracht werden. Und diese sind und bleiben die wichtigsten Vertragspartner, denn mehr als 90% der Bevölkerung sind gesetzlich versichert.

Wer so viel Geld für eine Ausbildung in die Hand nimmt (in vergleichbaren Berufen liegen die Ausbildungsvergütungen bei durchschnittlich 800 Euro), der hat es verdient, nicht mit 2.100 Euro abgespeist zu werden. Aber mehr können - auch nicht, wenn sie wollten - selbst gewinnorientierte Physiotherapiepraxen kaum zahlen.

Ein Grund mehr, nach Beendigung der Ausbildung in einen anderen, besser dotierten Beruf abzuwandern. So verbleiben nur max. 25% der Schulabgänger nach erfolgreichem Staatsexamen tatsächlich im Beruf. Das wird sich auch durch die jetzt nach und nach in die Bundesländer einziehende Schulgeldfreiheit nicht signifikant ändern.

Baustellen

Da die Physiotherapie lange Jahre ein Spielball zwischen den Mächten der Krankenkassen, der Ärzte und letztendlich der Gesundheitspolitik war, sind Maßnahmen versäumt worden, die den Beruf in der Öffentlichkeit als das darstellen, was er ist. Wertvoll, unverzichtbar und gerade im Hinblick auf die zunehmende Lebenserwartung älterer Menschen definitiv nicht zu ersetzen. Ärzte verordnen in vorauseilendem Gehorsam weniger Therapien und sind allzuoft durch Budgets gedeckelt. Krankenkassen erfinden jeden Tag neue Schikanen, wie den Kolleginnen und Kollegen das Leben möglichst schwer gemacht werden kann und die Erträge im überschaubaren Bereich bleiben. Offenbar scheinen alle - außer den Physiotherapeuten selbst - großen Spaß daran zu haben, diesen Beruf so unattraktiv wie irgendmöglich zu machen. Warum eigentlich? Aller Bestrebungen der Berufsverbände zum Trotz und entgegen kleiner Erfolge, die in den vergangenen Jahren erzielt wurden, hat sich in den letzten dreißig Jahren (der Autor selbst ist seit 31 Jahren in dem Beruf) nicht wirklich etwas verändert. Die Kolleginnen und Kollegen sind verärgert, viele suchen sich nebenbei lukrative Jobs und steigen aus, bevor sie das fünfzigste Lebensjahr erreicht haben. Nahezu alle steuern auf die Alterarmut zu (bei 2.100 Brutto mag das auch nicht verwundern). In einem für die Gesellschaft unverzichtbarem Beruf.

Direktzugang (First Contact - von den Ärzten als Machwerk des Teufels degradiert), Blankoverordnung, Schulgeldfreiheit, die Notwendigkeit von zusätzlichem Invest in Zertifikatskurse, sektoraler Heilpraktiker - man stelle sich vor, ein Physiotherapeut bedarf, um Patienten ohne ärztliche Anweisung zu behandeln einer zusätzlichen Qualifikation, bei der er nicht unter Beweis stellen muss was er kann, sondern nachweisen muss was er nicht darf mit einer Ausbildungsordnung aus dem Jahre 1933 (also spätes Mittelalter [...] Ironiemodus aus [...]) - alles Baustellen, die mittlerweile angegangen wurden, deren Ende aber in weiter Ferne noch nicht einmal ansatzweise sichtbar ist - getreu dem Motto: Noch heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen gewaltigen Schritt weiter.

Lösungen 

Lösungen dürfen natürlich nicht fehlen. Einheitsverordnung Physiotherapie, akademische Ausbildung mit First Contact und Integration der Zertifikatsausbildungen - sofern sie eine Evidenz vermitteln - in die Regelausbildung beispielsweise wären relativ schnell (ein bis drei Jahre) umsetzbar. So denn alle mitziehen und nicht wieder Befürchtungen anderer Berufsgruppen bestehen, ihre langjährig gewonnenen Pfründe schwinden zu sehen. Eigentlich alles ganz einfach. Aber irgendwie gehen mir Stuttgart 21 (ups ...24, Entschuldigung) und BER nicht aus dem Kopf.

Ach, ich könnte stundenlang schreiben. Allein mir fehlt die Zeit.

Deswegen #ohnemeinenphysiotherapeuten wäre die Welt nur halb so schön, würden meine Schmerzen im Knie nicht mehr zu beseitigen sein, wären alle Operationen nur halb so viel wert. #ohnemeinenphysiotherapeuten wären selbst Facebook und Twitter nicht lesenswert.

Wenn Ihnen also etwas einfällt, wie Ihnen eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut das Leben erleichtert, sie von Schmerzen befreit oder Ihnen neue Motivation gegeben hat, dann posten Sie es. Auf allen Kanälen. Aber bitte unter Verwendung des Hashtags.

Vielen Dank!

Jürgen Pagel

www.praeventfit.de


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