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Was ist dran am „Core Stability“?

Was ist dran am am Training der Core Stability? Kann man dadurch tatsächlich leistungsfähiger im Sport werden? Schützt dieses Training wirklich vor Verletzungen und Rückenbeschwerden?

Ich befasse mich berufswegen seit geraumer Zeit mit diesem Thema und bin im vergangenen Jahr auf den folgenden Artikel gestoßen, der mir nicht nur vollumfänglich aus der Seele spricht, sondern auch wissenschaftlich saubere recherchiert wurde. Er ist es wert, hier noch einmal präsentiert zu werden.  


Ein Artikel von 4. April 2013 by Robert Heiduk erschienen im Eisenklinik-Blog

 

Seitdem die Rumpfstabilität „Core Stability“ heißt und Stabi-Training nun „Core Training“, werden diesen Trainingsformen geradezu erstaunliche Trainingswirkungen nachgesagt. Eine der am häufigsten vernommenen Aussagen im Zusammenhang mit einer Verbesserung der „Core Stability“ ist die Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit. Welche Parameter und bei welcher Sportart, bleibt oft unerwähnt. Als Paradebeispiel für die leistungssteigernde Wirksamkeit dieser Trainingsform wird oft der WM Erfolg (3. Platz) der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 2006 angeführt*. Dieser Zeitpunkt dürfte in Deutschland als Beginn des Medienrummels um das “Core Training“ gelten. Die Frage ist nun, ob eine bessere „Core Stability“ tatsächlich die Leistungsfähigkeit des Fußballers erhöht.

*Zum Vergleich: bei der WM 2002 belegte die Nationalmannschaft Platz 2 – Ohne „Core Stability“ Hype.





Genau das wollte es eine Gruppe von Sportwissenschaftlern des Forschungszentrums für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung der Universität Wuppertal wissen. Im Rahmen des dritten Weltkongresses für Fussball und Wissenschaft in Gent (Belgien) präsentierte die Gruppe ein wissenschaftliches Poster mit einer interessanten Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der „Core Stability“ und ausgewählten Leistungsparametern bei Bundesliga-Profi-Fußballern?

Bei 24 Profis wurden die Leistungen für das 1-RM Bankdrücken, den Countermovement Jump, 5 Meter und 30 Meter Sprint, 22 Meter Agility Sprint und einem Ausdauer Shuttle Run Test gemessen und in Beziehungen zu den Leistungen bei vier Tests (ventral / dorsal / rechts links) der Rumpfstabilität gesetzt. Die Testübungen für die Rumpfstabilität sind als Trainingsübungen auch unter den Bezeichnungen Frontstütz, Seitstütz und Hyperextension bekannt.

Bei keiner der Testübungen konnten Zusammenhänge zwischen der Höhe der „Core Stability“ und den Ergebnissen der anderen Leistungstest gemessen werden.

Für die Trainingspraxis bedeutet dies, dass bei Profi-Fußballern weder Maximalkraft, noch Sprint- und Ausdauerleistung durch ein Training die Rumpfstabilität zu verbessern sind. Ob ein „Core Training“ auch zur Verletzungsprophylaxe taugt, bleibt aus Sicht der Untersuchergruppe noch unklar.

Wenn man das sportartspezifische Anforderungsprofil im Fußball weitergehend betrachtet, ergeben sich zusätzliche Fragen: Möglicherweise beinhaltet Fußball noch andere leistungsbestimmende Faktoren. Technische und taktische Fähigkeiten hängen beispielsweise zu einem großen Teil von der visuellen Leistungsfähigkeit ab. Mit Sehen hat das jedoch wenig zu tun. Hierunter fallen das Analysieren, Wahrnehmen und Beurteilen von Spielsituationen. Herausragenden Spielern wird eine überdurchschnittliche visuelle Fitness nachgesagt. Diese Athleten zeichnen sich dadurch aus, ein Spiel lesen und lenken zu können. Andere Spielertypen wiederum reagieren und sprinten dem Ball hinterher. Schnelle Augen könnten damit möglicherweise wichtiger sein als schnelle Beine. Was das mit „Core Stability“ zu tun hat? Gar nichts!




 

Exkurs: Mythos „Core Stability“

Professor Eyal Lederman, Leiter vom Centre for Professional Development in Osteopathy and Manual Therapy in London hat sich in einem Artikel über die Mythen der „Core Stability“ auseinandergesetzt. Die Ergebnisse seiner evidenzbasierten Literaturübersicht zeigen, dass die dem „Core Stability“ zugeschriebenen Trainingswirkungen in vielen Fällen gar nicht zutreffen. Hier sind insbesondere zwei Mythen hervorzuheben:

Spezielle „Core Stability“ Übungen sind hinsichtlich der Reduzierung von Rückenbeschwerden nicht effektiver als allgemeine Bewegung. Keine der aufgelisteten Studien konnte hier Unterschiede feststellen. Ein Zusammenhang zwischen schwacher „Core Stability“ und LWS-Schmerzen konnten bisher nicht festgestellt werden. Wohl aber zwischen psychischen Faktoren, wie der Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Kann ein starker „Core“ den Rumpf besser stabilisieren und damit Verletzungen vermeiden? Lederman führt an, dass je nach Körperhaltung lediglich ein Prozent der maximalen Anspannungsfähigkeit der Rumfextensoren und -flexoren notwendig sind, um die Rumpfstabilität aufrechtzuerhalten. Unter Zugabe eines Gewichtes von 32 kg steigt dieser Wert auf drei Prozent der maximalen Anspannungskapazität.

Lederman schlussfolgert, dass „schwache“ Rumpfmukulatur nicht pathologisch ist, sondern lediglich eine normale Variation innerhalb des gesamten Muskelsystems darstellt.




 

Fazit

Es sollte deutlich geworden sein, dass zu starke Vereinfachungen und Verlallgemeinerungen, die Komplexität der sportlichen Leistungsfähigkeit verkennen. Das Beispiel des „Core Stabilty Wunders“ zeigt, dass man immer dann skeptisch sein sollte, wenn etwas zum Trend wird. Trends beflügeln die Phantasie der „Experten“ und ehe man sich versieht, landet man im evidenzfreien Raum.

 

Literatur

Hoppe M.W., Baumgart C., Sperlich B. and Freiwald J.: There is no relationship between core stability and selected performance factors in professional soccer players. Research Center ofPerformance Diagnostics and Training Advice (FLT) at the University of Wuppertal. 3rd World Conference on Science and Soccer, 14th to 16th May 2012, Ghent – Belgium

Lederman E., The Myth of Core Stability. CPDO Online Journal (2007) , June, p1-17


Jürgen Pagel

http://www.praeventfit.de

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