Flaggen in der Physiotherapie

In den letzten Jahren beginnt sich in der Medizin im Allgemeinen und in der Physiotherapie im Besonderen ein Modell durchzusetzen, das als Flaggenmodell (Bigos, Bowyer et al. 1994) bezeichnet wird.
Was steckt dahinter? Werden Physiotherapeuten jetzt zu Seefahrern?
Natürlich nicht. Das Flaggenmodell dient der Steuerung von Behandlungsprozessen und der Definition von Schnittstellen beim Umgang mit Patienten.
Dabei werden als rote Flaggen solche für notwendige weitere Untersuchungen und gelbe Flaggen für psychosoziale Risikofaktoren (Kendall, Linton et al. 1997) verwendet. Die Flaggensymbole sollen beim Behandler verstärkte Aufmerksamkeit auslösen, da dann eine Komplikationsgefahr wahrscheinlich ist.
Ziel dieses Flaggensystems ist es u.a., Patienten mit einem spezifischen Versorgungsbedarf leichter und früher zu identifizieren und die entsprechenden Schnittstellen zu aktivieren.

Für die Fachleute sei dieses Flaggensystem noch ein bisschen genauer beschrieben. Neben den roten Flaggen kommen hier auch noch sog. dunkelrote Flaggen zur Anwendung.
Diese zwingen zu einer sofortigen Intervention.

Im Folgenden wird beschrieben, wie sich bestimmte anamnestische und klinische Befundungen den drei in diesem Konzept verwendeten Flaggensymbolen zuordnen lassen.


Dunkelrote Flaggen
    1. Die dunkelroten Flaggen lösen eine unmittelbare Abklärung und wenn nötig einen operativen Eingriff in einem spezifischen Zentrum aus. Dazu zählen:
      1. CES Cauda-Equina-Syndrom (sog. Pferdeschweif-Syndrom, hierbei ist der untere Teil des LWS-Nervensystems betroffen und es kann zu massiven neurologischen Ausfallerscheinungen führen)
      2. Verdacht auf spinalen Abszess, Spondylodiscitis (Entzündungen mit Raumforderungen im Spinalkanal oder Entzündungen der Bandscheibe bzw. des umgebenen Gewebes selbst).
      3. Wirbelkörperfraktur mit Schädigung des Rückenmarks.
      4. Wurzelkompression mit ausgeprägter Parese (Lähmung).
Rote Flaggen
    1. Die roten Flaggen lassen sich gegenüber den dunkelroten Flaggen abgrenzen, da sie keine Notfallindikation darstellen. Insbesondere bei Vorliegen folgender Hinweise muss der behandelnde Arzt oder Therapeut prüfen, ob und welche weitere diagnostisch Abklärung und Therapie erfolgen sollte.
      1. Alter: erstmaliges Auftreten von Rückenschmerzen <20 Jahre und >50 Jahre.
      2. Begleitende Grunderkrankung wie Rheuma, Tumorerkrankungen, Osteoporose, Infektion, AIDS, immunsupressive Therapie, Gefäßerkrankungen).
      3. Gewichtsverlust: unkontrollierter nicht gewollter starker Gewichtsverlust
      4. Fieber: erhöhte Körperkerntemperatur mit oder ohne konkretes Krankheitsereignis
      5. Z.n. Wirbelsäulen-OP (Bandscheibe, knöchern, augmentierend, stabilisierend etc.)
      6. Wurzelkompressionssyndrom: Dermatombezogene (also auf das Hautversorgungsgebiet eines Spinalnerven bezogen) Schmerzausstrahlung mit sensomotorischem Defizit (Einschränkung - nicht Verlust! des Gefühls und der Bewegungsfähigkeit/ Kraft).
      7. Unfallereignis: Sturzanamnese mit Frakturverdacht
Gelbe Flaggen
    1. Als gelbe Flaggen werden psychosoziale Risikofaktoren bezeichnet, von denen bekannt ist, dass sie wichtige Prädiktoren insbesondere für den Übergang von akuten zu chronischen Verläufen sind.
    2. Bei den gelben Flaggen handelt es sich sowohl um anamnestische Ereignisse als auch um spezifische kognitive und emotionale Faktoren, die das Verhalten der betroffenen Patienten beeinflussen und eine Chronifizierung fördern (Kendall, Linton et al. 1997; Pfingsten and Schöpf 2004). Zu den gelben Flaggen gehören insbesondere folgende Faktoren:
      1. pessimistische Einstellung des Patienten gegenüber dem Verlauf von Rückenschmerzen
      2. Schmerzvermeidungsverhalten
      3. Tendenz zur depressiven Verstimmung und Rückzugsverhalten
      4. Bevorzugung passiver Maßnahmen
      5. Renten- und/ oder Versicherungsansprüche
      6. Familien- und Arbeitsplatz-Probleme oder
      7. ungünstige Diagnose- und Therapieerfahrungen, wobei Letztere die Relevanz iatrogener (durch den Arzt verursacht) Chronifizierungsfaktoren unterstreichen.
Aus: Kurative Versorgung - Schnittstellenmanagement und Therapiegrundsätze im Versorgungsprozess von Patienten mit Rückenschmerzen, Experten-Panel "Rückenschmerz" der Bertelsmann Stiftung Gütersloh, Mai 2007.

Die Verwendung solcher Standards macht nicht nur die Untersuchung/ Befundaufnahme gegenüber den Patienten einfacher, sondern tragen auch maßgeblich zur Beschleunigung von Behandlungsverfahren bei. Halten sich alle an der Therapie Beteiligten an ein solches Modell, sind Patienten in der Regel gut aufgehoben.

Sicher lässt sich über das vorliegende Modell auch im Bereich des Personal Fitness Trainings diskutieren. Immer wieder werden Rufe nach Standards laut, die für eine Vereinheitlichung der Individualität bei Anamnesen sorgen könnten.

Beste Grüße
juergenpagel.de

Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

CMD - ein vielschichtiges Krankheitsbild

Von Akzeptanz, Toleranz und vom Entspannt sein ...