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Myofasziales Training, Funktionelles Training u.a. - ein Trend?

Nun, um diese Frage beantworten zu können, bedarf es einer Analyse der Begriffe.
Was ist ein Trend? Wikipedia weiß eine Antwort:
Trend (vom englischen trend; aus mittelhochdeutsch: trendeln „kreiseln“, „nach unten rollen“) steht für:
  • eine besonders tiefgreifende und nachhaltige Entwicklung
  • eine Entwicklung im mathematischen, statistischen, messtechnischen und wirtschaftlichen Bereich
  • Kurstrend – eine Entwicklung von Börsenkursen
  • Markttrend – eine voraussichtliche Entwicklung der Nachfrage auf einem Markt
Besonders interessieren uns dabei der erste und der letzte Punkt.
Im ersteren Fall sind das myofasziale Training und das funktionelle Training tatsächlich tiefgreifend und nachhaltig. Beide haben sowohl die Therapie wie auch das Training im Gesamten nachhaltig beeinflusst. Und das nicht erst seit Anfang des zweiten Jahrtausend.
Bei der Betrachtung des letzten Punktes - Markttrend - wird es ein bisschen schwieriger. Folgt man dem momentanen Hype um das Thema Faszien liegt der Verdacht nahe, dass uns dieses Thema noch einige Jahre beschäftigen wird. Die Nachfrage ist groß und es wird sich ohne Zweifel auch die nächsten Jahre noch ein Riesenmarkt für Tools entwickeln.

Was ist nun ein myofasziales Training?

Dazu ist im MedicalSportsNetwork im April 2015 von A. Mohr ein interessanter Artikel erschienen.
Auszug: Stellen wir uns nur alle manuellen Faszientechniken – egal, ob mit oder ohne Hilfsmittel auf der einen und die Trainingstherapie (Functional Training, Core-Training, MTT usw. ) auf der anderen Seite vor. Aus langjähriger Erfahrung wissen viele von uns, dass das eine nicht ohne das andere funktioniert, um einen langfristigen Erfolg zu haben. Das Bindeglied in der Kette ist das Re-Core-Training. Jede dieser von Myers beschriebenen Faszienketten sind trainierbar und genau hier greift das Myofaziale Training (ReCore) in das Geschehen ein. Schon aus früheren wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man von der Bedeutung der Körpermitte für das Bewegungsgeschehen. Neuere Forschungen haben nun gezeigt, dass es sich um ein hochkomplexes neuromuskuläres Zusammenspiel aus Muskeln, Sehnen, Bändern, Knochen und Nerven handelt. Diese Erkenntnisse macht sich die „Core-Training“-Philosophie zu Nutze, um Rückenprobleme zu vermeiden und die Muskelkoordination zu verbessern. Die Bezeichnung leitet sich vom englischen Begriff „Core“ (Kern) ab, da das muskuläre „Stütz- und Schutzkorsett“ des Rumpfes im Mittelpunkt steht. Defizite bei der Stützmuskulatur sind Hauptverursacher von Funktionsstörungen und Erkrankungen der Wirbelsäule. Neue Untersuchungen zeigen vor allem bei chronischen Schmerzpatienten, dass eine Beseitigung der Kraftdysbalance nur ein Baustein Richtung Schmerzreduktion ist. Der größte Teil des Erfolges ist eine Beweglichkeitsverbesserung. Raus aus dem myofaszialen Gefängnis rein in eine Bewegungsfreiheit, wo unser System wieder atmen kann. Nach Meinung von Sportmedizinern sollte Krafttraining daher genauso zum Alltag gehören wie das tägliche Zähneputzen. Zitat Ende.

Ein Training also, welches den Körper in seiner Gesamtheit erfasst, in alle Richtungen. Rotationen ebenso einschließt wie Beugung, Streckung und Seitengang. Ein Training, welches so gestaltet ist, wie es Jahrzehnte in der Therapie von Bandscheibenvorfällen in einschlägig bekannten Kureinrichtungen vermieden wurde!
R. Schleip hat es treffend formuliert: Das Wissen um die Faszien ist ein noch fehlendes Mosaikteilchen, das uns im Verständnis um die Funktionsweise des Bewegungsapparates entscheidend weiter gebracht hat!

Und funktionelles Training?

Ja, eben. Genau das. Auch hier hat Wiki eine Definition parat: Funktionelles Training ist eine alltagsrelevante und sportartübergreifende Trainingsform. Sie beinhaltet komplexe Bewegungsabläufe, die mehrere Gelenke und Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen. Es hat ihren Einzug in unterschiedlichste Handlungsfelder gehalten.
Dabei folgt das "Funktionelle Training" der sog. "Joint-by-Joint"-Theorie von M. Boyle und der Erkenntnis, dass keine - aber auch wirklich keine - einzige Bewegung nur über ein einziges Gelenk läuft, sondern sich immer kettenhaft fortsetzt.


Berücksichtigt man nun die Funktionen der Gelenke, ergibt sich ein Wechsel aus stabilen und mobilen Anforderungen, die nicht nur im funktionellen Training, sondern in der Therapie als Schlüssel für vielfältige Problematik ausweisen.
Wird in der Therapie diesem System gefolgt, sind die Behandlungserfolge nicht nur erstaunlich, sondern auch logisch nachvollziehbar.

Problematik

In der Hand von Fachleuten (also Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten) erscheint dieses Handwerkszeug meist gut untergebracht. Warum? Weil die Anatomie die Basis dieser Berufe darstellt. Weitreichende anatomische Kenntnisse sind erforderlich, um funktionelle Zusammenhänge zu verstehen und dieses Wissen auch fachmännisch einsetzen zu können. Und sowohl das myofasziale wie auch das funktionelle Training sind im Grunde nichts anderes als angewandte Anatomie.
Und genau hier liegt das Problem des sogenannten "Trends". Internet, Websites et.al. tragen dazu bei, nicht nur diesen speziellen Wissensstand einer großen Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen (was ich wirklich sehr gut finde), sondern vermitteln den Eindruck, das jeder damit umzugehen vermag. Aus gut gemeinten Empfehlungen werden nachhaltige Therapieansätze, die Trainern und solchen die es werden wollen, ungefiltert zur Verfügung stehen.
Das ist einer gebotenen Zurückhaltung zu betrachten. Nur das Lesen eines Fachartikels macht noch keinen Therapeuten, befähigt nicht zur Behandlung kranker Menschen. Nur weil auf der Türe des Fitnesscenters "Myofazial" oder "Funktionell" steht, arbeiten dort auch die Fachleute, die wirklich Ahnung von dem haben, was sie tun. Studios, die bisher ausschließlich auf Umsatz aus waren, entdecken plötzlich ihre Ader für therapeutische Interventionen.
Das alles führt dazu, dass Berufsbilder verschwimmen und Berichte über ungeeignete Personal Fitness Trainer die Runde machen. Eindrucksvolle Beispiele lieferten sowohl der von Jörn Giersberg im Auftrag von Stern.TV wie auch von E. Kieß im ZDF vorgenommene Test mit Trainern. Die Durchfallquote lag hier bei sagenhaften 90%.
Das sollte uns zu denken geben. Den Physiotherapeuten, die sich den vorliegenden Erkenntnissen über moderne Trainingstherapie (Ausnahmen sind selbstverständlich vorhanden) bisher verschlossen haben und den Trainingswissenschaftlern, deren Wissen 10 Jahre und älter ist, wenn sie ihr Studium abgeschlossen haben. Dennoch ist deren Wissen fundiert, entspricht einem gewissen Goldstandard und kann ohne Probleme hinterfragt werden (immer im Hinterkopf behaltend, dass es in allen Berufsbereichen solche und solche gibt).

Zusammenfassung

Die Frage nach dem Trend kann aus meiner Sicht in beiden Fällen - Nachhaltigkeit und Marktentwicklung - sicher positiv bewertet werden. Ja, es ist ein Trend. Aber wir sollten nicht die Augen vor den Meistern verschließen, welche die Basis für die sog. "Meisterlehren" gelegt haben. Von "Turnvater Jahn", über Joseph Pilates und Dr. h.c. Klein-Vogelbach bis M. Boyle - jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Deswegen ist ein Hype, wie er im Moment stattfindet sicher nicht förderlich. Dem Laien fällt es zunehmend schwer, "Gut" von "Böse" zu unterscheiden. Deswegen brauchen wir definitiv keine myofasziales Pilates, weil es das schon immer war. Wir brauchen auch kein Yogilates, weil beides zwar einen vergleichbaren Ursprung, doch in der Sache vollkommen andere Zielsetzungen hat. Wir brauchen auch nicht zwei Übungen, welche die fasziale Rückenlinie dehnen, sondern wir brauchen fundierte und elementare Erkenntnisse über das Bewegungsverhalten des menschlichen Körpers. Und da wird ganz schnell klar, dass stundenlanges Sitzen, Stehen oder Liegen nicht nur ungesund, sondern schädlich sind. Unser Bewegungsapparat heißt deswegen so (und das nicht nur seit heute), weil er für Bewegung ausgelegt ist. In der Therapie, wie im Fitnesstraining, wie im Sport.
Es ist ein Witz, wenn auf der einen Seite die Erkenntnisse einer faszialen Funktionsweise Einzug halten, auf der anderen Seite der Markt mit allen möglichen Trainingsmaschinen und Geräten überschwemmt wird (die ohne in ihrer Bauweise gegenüber der letzten zwanzig Jahre verändert worden zu sein, plötzlich die Faszien trainieren). Es ist konträr, wenn nachgewiesen wird, dass regelmäßiges, tägliches Spazierengehen der Gesundheit förderlicher für die Gesundheit sind, wie stundenlanges, stupides Training an Geräten.
Wir müssen lernen, Gesundheit, Fitness und Sport zu differenzieren. Gesundheit und Fitness setzen die Verletzungsfreiheit voraus. Sport nimmt bewusst in Kauf. Und um das dem Laien zu vermitteln, brauchen wir gut ausgebildete und letztendlich erfahrene Trainer, die nicht nur einem Trend hinterher laufen und "kreiseln" (im Sinne des engl. Begriffes "Trend"), sondern Nachhaltigkeit vermitteln. Alle anderen erweisen der öffentlich laut werdenden Kritik an schlecht ausgebildeten Fachkräften und Trainern ein Bärendienst.
Und wenn wir es dann noch schaffen, unser sog. Gesundheitssystem tatsächlich dahingehend zu reformieren, dass Gesundheit belohnt wird und nicht an der Krankheit alle ihr Geld verdienen, gehen wir - glaube ich - in die richtige Richtung. Allein das Umbenennen von "Krankenkasse" in "Gesundheitskasse" und das "Zählen von Fettaugen" sind definitiv der falsche Weg.

Euer Jürgen

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