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In eigener Sache ..... vom Direktzugang und studierten Physiotherapeuten.

Zur Zeit wird viel gesprochen und geschrieben - über die Bezahlung von Physiotherapeuten, über Entlohnung von angestellten wie auch über Umsätze von freiberuflich tätigen Physiotherapeuten.

Warum wird jemand Physiotherapeut?
Ich kann nur für mich sprechen. Nicht für andere Kolleginnen und Kollegen. Somit spiegelt dieser Artikel ausschließlich meine persönliche Meinung wider - bevor jetzt wieder irgendwelche Kollegen - der Sache wenig dienend die Keule schwingen.

Ich habe mich 1985 entschlossen deswegen den Beruf des Masseurs bzw. Physiotherapeuten zu ergreifen, weil ich seinerzeit durch ein eigenes Leiden wirkungsvoll erfahren durfte, wie wichtig diese Arbeit ist. Nennen wir es ruhig "Heilersyndrom". Mir hat meine Arbeit immer Spaß gemacht, wenn auch die Zeit der Selbstständigkeit seit 1992 wahrlich kein Zuckerschlecken war und ist.
Der Beruf eröffnet viele spannende Perspektiven - von Fortbildungen über Therapiemethoden bis hin zur Betreuung von Mannschaften des Leistungssports als Sportphysiotherapeut.



Wie viel verdient ein Physiotherapeut?
Dabei muss man natürlich zwischen einem Angestellten und einem Selbstständigen unterscheiden. Ich möchte hier einen Vergleich ziehen. Die Zahlen von 1999 bis 2013 zu Grunde gelegt, lagen die Abrechnungspositionen für Krankengymnastik (Regelbehandlung Dauer 15-20 Minuten und in Euro umgerechnet) 1999 bei € 13,50 und 06/2013 bei € 14,98 (VdAK bundesweit)! Man bedenke: Eine Steigerung in 14 Jahren von sage und schreibe € 1,48. Das ist ein Fakt! Belegbar.

Das Durchschnittseinkommen eines Physiotherapeuten beträgt laut Gehaltsvergleich.com derzeit in Bad.-Württemberg € 2056,00 Brutto. Je nach Steuerklasse bleiben davon ca. € 1400,00 zum Leben. Das ist nicht wirklich viel und reicht in der Regel nicht aus, um eine Familie zu ernähren.

Forderung nach mehr Einkommen!
Deswegen sind Forderungen nach einem höheren Einkommen (zur Zeit werden 38% postuliert) durchaus berechtigt - berücksichtigt man dabei, dass in einer Steigerung der Abrechnungsposition KG von € 1,48 die Inflationsrate tatsächlich vollkommen Außer vor geblieben ist, sind 100 % durchaus realistisch.
Aber selbst die 38% wird niemand zahlen wollen - die Kassen nicht, die Patienten nicht und auch sonst niemand, der sich dafür verantwortlich zeichnen könnte.

Verbände müssen ran!
In diesem Zusammenhang gilt es festzuhalten, dass es bei den Physiotherapeuten keine berufsständische Organisation gibt, wie bei den Ärzten oder den Angehörigen metallverarbeitender Berufe, oder wie bei Eisenbahnern oder Erzieherinnen. Physiotherapeuten haben keine Gewerkschaften oder Kammern, in denen sie organisiert sind.

Dafür haben wir sog. Berufsverbände. In Anbetracht der Zahlen stellt sich die Frage, warum die Verbände nicht mehr erreicht haben. Das hat sicher viele Gründe und deswegen gleich auf den Verbänden "herum zu hacken", wäre unfair und wenig zielführend. Sicher sind hier auch gute Leistungen entstanden.
Aber ich möchte hier nur ein paar Dinge aufzählen, die uns das Leben in der Vergangenheit nicht leichter gemacht haben und bei denen sich die Verbände durchaus die Frage gefallen lassen müssen, warum und wieso Dinge akzeptiert wurden, die nicht nur MEINEM Rechtsempfinden massiv widersprechen, sondern schon den Grenzbereich des Raubrittertums erreicht haben.

  • Fortbildungspflicht (es lebe die "Fortbildungsmafia").
  • Rezeptprüfpflicht (vom Arzt ausgehändigte Verordnungen müssen sogar auf Rechtschreibfehler hin überprüft werden - ansonsten droht Absetzung).
  • Absetzung bereits erbrachter Leistungen durch die Krankenkasse, wenn nachträglich Fehler in der Verordnung festgestellt werden.
  • Inadäquate Gehaltssteigerungen, die über Jahre hinweg noch nicht einmal die Inflationsrate berücksichtigt haben.
  • Einführung eines sektoralen Heilpraktikers, weil an der Qualifikation von Physiotherapeuten gezweifelt wurde, die 120 Stunden und mehr sogenannte "Krankheitslehre" unterrichtet bekommen (dafür herzlichen Dank an den ZVK, der das seinerzeit erfolgreich verbockt hat).
  • Zulassung von unzähligen Fortbildungsinstitutionen, bei denen bis heute keine Einigkeit darüber herrscht, welche Fortbildung nun mit wie viel Punkten anerkannt wird und wenn einer keine Fortbildung macht, ist das auch in Ordnung.
  • Bis heute keine Vernetzung oder sinnvolle Kommunikation mit Ärzten (wenn doch, dann auf privater Basis und nicht verpflichtend).
  • u.v.m.
Bevor jetzt wieder ein paar Kollegen kommen, die behaupten, von der Kanzel herab geht´s einfach: Nein, das ist nicht einfach. Aber es ist richtig! Selbstredend haben die Berufsverbände bis dato teilweise gute Arbeit geleistet, aber in den zentralen Fragen (nämlich Qualität der Ausbildung, leistungsgerechte Honorierung, Standing gegenüber den anderen Standesvertretungen und den Krankenkassen haben sie schlicht versagt. Bis heute fehlt in vielen Ausbildungseinrichtungen ein Unterricht über die Möglichkeiten der Selbstständigkeit oder Informationen zur Berufshaftpflicht, zur Rentenversicherung o.ä..

Natürlich bleibt es jedem Therapeuten selbst überlassen, für sich geeignete Verträge mit Kassen abzuschließen. Dieses jedoch wurde von den Verbänden lange Zeit behindert (und dies auch zu recht!) und nun plötzlich als Argument von Kollegen genutzt, für sich das Beste heraus zu holen. Das ist scheinheilig und der gemeinsamen Sache wenig dienlich. Dies von einem offensichtlichen Verbandsvertreter zu hören, tut nicht nur weh sondern führt die Verbände ad absurdum.

Ein weiteres beliebtes Thema ist zur Zeit die Forderung nach einer durchgehenden Akademisierung der Ausbildung.

Warum Bachelor?
Der Bachelor ist der erste akademische Grad und berufsqualifizierende Abschluss eines mehrstufigen Studienmodells. Die Regelstudienzeit beträgt grundsätzlich mindestens drei und höchstens vier Jahre. Das entspricht also im Wesentlichen der bisher üblichen Ausbildungspraxis. Im Grunde ist es ein Vordiplom. Nicht mehr und nicht weniger.
In einem System gestufter Studiengänge stellt der Bachelorabschluss als erster berufsqualifizierender Abschluss den Regelabschluss dar und führt damit für die Mehrzahl der Studierenden zu einer ersten Berufseinmündung. Somit ist der Bachelor genauso ein Berufsanfänger, wie ein Physiotherapeut nach einer dreijährigen Fachschulausbildung - wenn auch die Inhalte durch das vierte Jahr erweitert wurden.

In der Industrie findet diesbezüglich ein Umdenken statt. Die mangelhafte Ausbildung und Einstellung von Absolventen der Bachelor-Studiengänge lässt Kritik an dem System aufkommen.

Bringt das dem Patienten Vorteile?
Das muss die alles entscheidende Frage sein. Denn letztendlich geht es NUR um den Patienten, den von seinem Leiden zu Befreienden. Nach vielen Gesprächen mit Patienten und mit Absolventen ist es erlaubt, diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten.
Auch die Gehaltsstruktur ist keineswegs besser. Und die Absolventen sind auch keine besseren Menschen. Dem Argument, wissenschaftlich arbeiten zu können, will ich mich gar nicht verschließen. Sicher richtig und notwendig. Aber wir brauchen v.a. Kolleginnen und Kollegen, die konkrete Hilfestellung geben und davon ist der Bachelor weit entfernt.
Und ob ein solcher einen besseren Zugang zum Arzt hat, der letztendlich auch nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, mag dahingestellt sein.
Ganz schlimm wird es aber dann, wenn nur Kollegen und Kolleginnen, die einen Bachelor haben, der sogenannte Direktzugang (Directaccess) zugestanden werden soll. Damit bleiben die ganzen alten, erfahrenen Hasen auf der Strecke. Die, die von allen Firmen dieser Welt vor 10 Jahren in die Frührente geschickt wurden und jetzt händeringend wieder als freie Mitarbeiter beschäftigt werden, weil mit ihnen das gesamte Wissen eines Unternehmens abgewandert ist.
Was lernen wir aus solchen Forderungen? Nichts. Eben wieder nichts dazu gelernt!

Directaccess
Der Direktzugang soll - kurz gesagt - dem Patienten die Möglichkeit einräumen, zuerst zu einem Therapeuten zu gehen, bevor er beim Arzt anfragt, ob man die Wartezeit evtl. von sechs auf drei Wochen verkürzen kann.
Der DA macht ein Stück weit Sinn. Kurze Wege, direkt zum Fachmann oder Fachfrau, schnelle Hilfe usw.
Aber jeder, der das fordert, muss sich auf über die Nachteile im Klaren sein:
  • Volle Budget-Verantwortung (diese liegt bisher beim Arzt und kann weitreichende finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen - oft noch Jahre später).
  • Volle Verantwortung dem Patienten gegenüber (Ärzte sind hierbei - was sog. Kunstfehler anbelangt - deutlich besser abgesichert).
  • Volle Verantwortung dem Arzt gegenüber (Entscheidungen bedürfen ggf. einer Rechtfertigung).
  • Auseinandersetzungen mit Krankenkassen, Ärzten und Patienten werden zur Regel.
  • Deutlich höherer Verwaltungsaufwand (in einem östlichen Bundesland läuft seit einigen Jahren ein Modellversuch mit immerhin rd. € 12,00 pro DA - Reichtum ausgeschlossen bei einem Zeitbedarf von ca. 30 Minuten).
  • Mehr Fort- und Weiterbildungsaufwand.
  • Um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.
Wer das verstanden hat, ist beim DA richtig!

Zusammenfassung
Hat man den Patienten bei den ganzen Diskussionen im Auge, kann die Forderung nur sein:
  • Mehr Gehalt - deutlich mehr (Anhebung auf mindestens € 3200,00 für Berufseinsteiger) und damit verbunden deutliche Anhebung der bisherigen Kassensätze (damit auch höherer Umsatz für die selbstständigen Kollegen). Finanzierung durch Wegfall der kostenlosen Familienversicherung in den Krankenkassen durchaus möglich! Das verschafft dem Therapeuten mehr Zeit für den Patienten (30 Minuten sind wünschenswert), verbessern mittel- bis langfristig die Therapieerfolge und erlauben Instruktionen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit.
  • Möglichkeit einräumen, zwischen den Therapieverordnungen Privatleistungen anbieten zu können und zu dürfen.
  • Neuauflage des HMK (Heilmittelkataloges) und Reduzierung auf wirklich sinnvolle Maßnahmen (Wegfall von Fango und Eis und ähnliche Geräteleistungen).
  • Reform des Heilpraktikergesetzes aus dem Jahre 1932 und Physiotherapeuten, Logopäden sowie Ergotherapeuten den DA genauso anbieten, wie heute bei HP´s üblich (schriftliche Prüfung vor dem Gesundheitsamt ohne vorherige Ausbildung möglich !). Physiotherapeuten sind sicher nicht schlechter ausgebildet, als HP´s.
  • Verzicht auf eine weitgehende Akademisierung physiotherapeutischer Heilberufe. Wer in Forschung und Lehre will, soll das tun. Wer lieber am Patienten arbeitet, soll keinen Bachelor haben müssen.
Ob das jeder Einzelne für sich aushandelt oder unsere Berufsverbände endlich in die Spur kommen und gemeinsam an einem Strang ziehen, bleibt abzuwarten (gerne habe ich bis zu dem Zeitpunkt Hoffnung, wo mich der Tod an der Behandlungsbank ereilen wird).

Beste Grüße
-JP-

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