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Fitness - ein Wahnsinn? (Teil I)

Zunächst stelle ich klar: Ich bin kein "Anti-Fitter". Die Fitness anderer Menschen liegt mir 1. am Herzen, 2. verdiene auch ich als Physiotherapeut, Personal Fitness Trainer und 3. als Initiator von betrieblicher Gesundheitsförderung damit mein Geld.
Aber .... das, was da zur Zeit im Netz, in der Realität abgeht, hat mit Fitness nichts mehr zu tun. Das ist Wahnsinn und Wahnsinn kommt von Wahn. Viele Menschen verfallen einem Wahn, der in anderen Bereichen undenkbar ist - sektenhaftes, unkritisches Reflektieren von guruhaften Bewegungskulturen sowie Hinterherlaufen von Trends, die keine sind.
Mir geht es vielmehr um Fakten, die wissenschaftlich belegt sind und sich an der funktionellen Anatomie orientieren.

Den Anreiz dazu gibt mir das Wissen um Bewegung als Therapeut mit nahezu dreißig Jahren Erfahrung und die Kenntnis von anatomischen Strukturen in der Kombination von neuen Erkenntnissen über Muskeln, Faszien und anderen Gewebeformen - wie eindrucksvoll vermittelt durch Vorträge, z.B. von Prof. Dr. Andry Vleeming. So jüngst im Rahmen der Mitgliederversammlung des Deutschen Pilates Verbandes e.V. in Frankfurt am 13.06.2015.

Was erleben wir heutzutage?

Wir sehen Menschen, die sich von Apps per iPhone oder Android-Geräten angeleitet quälen, Übungen weitestgehend falsch ausführend und unwissend der persönlichen Eignung durch Programme treiben lassen, deren Nutzen nicht nur umstritten, sondern nachweislich in den allermeisten Fällen nicht funktioniert.
Wir reden von Menschen, die viel Geld dafür ausgeben, sich von Geschäftemachern vermeintlich schnell wirksamen Programmen zu unterwerfen, die nach deren Beendigung diese Menschen umso mehr aus der Bahn werfen, weil der Jojo-Effekt sie in jedweder Beziehung unweigerlich einholt. Wir sehen Menschen, die sich Regeln unterwerfen, gegen die sie an ihrer Arbeitsstelle rebellieren, den Betriebsrat einschalten oder den Betriebsarzt über angeblich unhaltbare Zustände in Bezug auf ihre Arbeitsbedingungen in ihrem Unternehmen informieren. Sie wollen Hebehilfen, es möglichst bequem haben, um zu Hause oder im Fitness-Studio Gewichte zu stemmen, die gem. Lastenheft eines Unternehmens als Gesundheitsschädlich eingestuft werden. Und dann machen sie CrossFit, die härteste Form aller neuen Bewegungsprogramme oder HIT (High Intensive Training) - ohne zu wissen, ob das für sie das Richtige ist. Hauptsache ordentlich verausgabt - ohne Rücksicht auf spätere, nachhaltige Veränderungen ihrer Gewebestruktur. Ein starker Rücken macht eben doch bisweilen Schmerzen. Weil die Kraft alleine nur einer von vielen Faktoren ist!
Und trotz oder gerade wegen solcher Programme verzeichnen mehr als die Hälfte aller Bundesbürger ein deutliches Übergewicht und immer mehr erkranken an Diabetes Mellitus. 80% aller Deutschen hatten oder haben Rückenschmerzen und nehmen dafür bzw. dagegen regelmäßig Medikamente ein. Da stimmt doch etwas nicht - werden sie sagen. Und ja, sie haben recht!

Was steckt dahinter?

Nun, zum Einen sicher die Vorstellung, gut aussehen zu wollen. Das ist für viele Menschen eine sehr große Motivation. Zum Anderen, spielt wieder die Gesundheitsindustrie  eine tragende Rolle. Um in einem heiß umkämpften Markt bestehen zu können, scheuen viele Anbieter nicht vor Unwahrheiten und Übertreibungen zurück, den die meisten sog. Fitness-Jünger unterliegen. Der Wunsch, gesund zu sein, frei von Krankheiten und Schmerzen zu bleiben oder zu werden, macht offensichtlich blind für ...

Die Realität

Jeder Mensch hat ein sogenanntes Sixpack. Manchmal sieht man es nur nicht, weil zu viel Fettgewebe darüber liegt. Was muss also das Ziel sein? Richtig. Fett abzubauen. Und die Muskulatur zu trainieren, damit sie "dicker" wird. Sich besser darstellt. Um das zu erreichen, benötigen Sie eine adäquate Ernährung, die nicht nur zu Hause, sondern auch in der Arbeit und Ihrer Freizeit umsetzbar ist, ohne dass Sie dabei Ihre sozialen Kontakte vergraulen. Denn die gehören zum Leben auch dazu. Was gibt es Schöneres, als Abends mit einem Gläschen Wein, einem Bierchen oder gerne auch mit einem Glas Mineralwasser mit lieben Freunden zusammenzusitzen? Das wird - und das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen bzw. schreiben - nicht mehr funktionieren, wenn Sie Ihr Eiweißshake aus der Handtasche ziehen oder ständig alles negieren, was Ihnen angeboten wird.

Auf was kommt es an?
Um ein gesundes und strukturiertes, funktionelles Gewebe zu erhalten, müssen Sie die Physiologie des Körpers kennen. Aus was besteht der menschliche Körper? Nun, auf einen einfachen Nenner gebracht: Wasser und Eiweiß. Was müssen Sie also zu sich nehmen? Ja. Wasser und Eiweiß. Den sozialen Kontakten zuliebe müssen Sie jedoch nicht zwingend auf Kohlenhydrate verzichten. Nur sollten eben Kohlenhydrate nicht der Hauptbestandteil Ihrer Nahrung sein, weil der Körper nicht aus Kohlenhydraten besteht! Das klingt alles sehr einfach. Ist es eigentlich auch. Aber in Wirklichkeit steckt natürlich viel Knowhow dahinter, dass Sie sich im Laufe der Zeit aneignen sollten. Und glauben Sie bitte nicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das ist nun wirklich OUT.

Was brauchen Sie noch?
Nun, das kommt immer auf die konstitutionellen Faktoren an: Größe, Alter, Geschlecht, Psyche, Motivation u.ä.. Denn das sind Faktoren, die Sie nur geringfügig beeinflussen können (mit Ausnahme der Motivation und einigen anderen psychischen Eigenschaften).
Das heißt, ein Körper-und-Geist-Programm - egal ob zu Hause oder an Ihrem Arbeitsplatz - muss immer individuell sein. Denn jeder ist anders. Sie sind anders als ich, Ihre Frau oder Ihr Mann ist anders, Ihre Kinder, Ihr Nachbar, Ihre Freundin, ob Frau oder Mann - jeder ist anders. Also muss sich auch jeder anders bewegen und ernähren. Was bei Ihnen funktioniert, ist bei jemand anders zum Scheitern verurteilt.
Manche haben chronische Schmerzen. Diese Menschen sind auch anders, weil chronische Schmerzen (länger als ein halbes Jahr) definitiv Ihre Psyche verändern. Also benötigen auch solche Menschen ein Körper-und-Geist-Programm, das an ihre individuellen Bedürfnisse angepasst ist.

Spätestens hier wird deutlich: DAS kann Ihnen keine App, kein Standardprogramm, keine Fernsehshow und auch kein Fitness-Studio bieten. Kein Trainer in einem Studio - egal wie angeblich gut ausgebildet er ist, kann für laufende 2500 Kunden und Kundinnen individuelle Programme bereit halten und diese just in dem Moment, wo der Kunde das Studio betritt, präsentieren. Geht nicht!

Auf was es noch ankommt, möchte ich Ihnen anhand einiger ausgewählter Beispiele erläutern.

Alle reden vom Core, vom Kern. Stimmt prinzipiell. Aber was ist der Core wirklich? Dr. h.c. Susanne Klein-Vogelbach sagte einmal: vom Rumpf zu den Extremitäten, von der Grobform zur Feinform. Das war in den späten 50zigern und hat heute mehr Bedeutung, denn je zuvor.
Der "Core" besteht aus Muskeln, Sehnen und Faszikeln Strukturen, die je näher sie am Becken des Körpers liegen und darauf einwirken können, umso bedeutsamer sind.
Dazu gehören im Besonderen:
  • tiefe Bauchmuskulatur (Mm. Obliquii interni abdomini, M. Transversus abdominus)
  • M. Iliacus
  • Mm. Multifidii
  • Mm. rotatores
  • Mm. longissimus
Die Gesäßmuskulatur gehört nicht zum Core. Das liegt an ihrer Funktion, die Hüftgelenke im Stand - also unter physiologischer Schwerkraftwirkung - zu fixieren. Hüftgelenke haben jedoch einen hohen Mobilitätsanspruch, d.h. Beweglichkeit geht vor Stabilität.
Die gerade Bauchmuskulatur zählt ebenso nicht zum Core, da diese lediglich im Stand das Becken vorne anhebt, aber keine Verbindung zu den Bindegewebstaschen der autochthonen Rückenmuskulatur hat.



Gerade zu Beginn eines Bewegungstrainings sind Übungen erforderlich, die ohne Hebel in der Nähe des Beckens und damit des Rumpfes liegen. Sehr gut geeignet sind Bewegungen des Beckens selbst. Betrachtet Sie das Becken ohne Weiteres als das Chassis Ihres Körpers. Bewegen Sie also das Chassis, bringen Sie Ihren restlichen Körper in Schwung (Sie müssen letztendlich nur Bewegungen weiterlaufen lassen). Dazu jedoch später in einem anderen Post mehr.

Welche Übungen können einfach in den Alltag integriert werden?

Folgende Übungen führen Sie v.a. bei Schmerzen in der Lendenwirbelsäule aus:
  • Beckenkippung und Beckenaufrichtung
  • Rotation des Beckens bei stabilem Oberkörper
  • Lateralflexion des Beckens im Stand bei aufrechtem Oberkörper (keine Seitneigung)
  • Rotation des Oberkörpers bei neutralem Beckenstand
Wie diese Übungen aussehen und welche Bedeutung dabei die Faszien haben, erfahren Sie im zweiten Teil von "Fitness - ein Wahnsinn?".

Beste Grüße und viel Spaß wünscht Ihnen
Jürgen Pagel
Ihr Bewegungsexperte


Rechtliche Hinweise
Sie führen die in diesem Blog genannten und gezeigten Übungen auf eigene Verantwortung aus. Auf Grund der Individualität sollten Sie bei Unsicherheiten und Schmerzen fachlichen Rat durch einen ausgebildeten Mediziner, Facharzt einholen. Der Verfasser lehnt jedwede Verantwortung für falsch ausgeführte Bewegungen oder deren Folgen ab.

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