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Ein Erfahrungsbericht - die Hürden der Physiotherapieals "kassenzugelassener" Physiotherapeut

Eines vorweg - Physiotherapeut ist ein toller Beruf, immer noch! Und nach wie vor halte ich persönlich die Kombination von Personal Fitness Training, Physiotherapie und Unternehmenscoaching im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements für ideal und zukunftsweisend - die Liste der bisher betreuten Unternehmen, die Anzahl der Patienten und Kunden gibt mir letztendlich recht.

Das Personal Fitness Training steckt zwar in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen - im Vergleich zu unseren amerikanischen Kollegen und Kolleginnen - aber das Potential ist da. Viele meiner Kunden schätzen die Zeit, die ich mir für sie nehmen kann, die fachliche Kompetenz mit dem Hintergrundwissen eines Physiotherapeuten und damit verbunden auch die Notwendigkeit, professionell bei Verletzungen oder Schmerzen zeitnah reagieren zu können. In der Unternehmensbetreuung sind Kenntnisse in Anatomie, Physiologie sowie der Ergonomie entscheidend, um Mitarbeitern den "richtigen" Weg im beruflichen Alltag ebenso aufzuzeigen, wie Arbeitsplatzbegleitungen ein hervorragendes Tool zur Betreuung der Mitarbeiter am Arbeitsplatz sind.

Dennoch war nach einem Ausflug in ausschließliche Privatleistungen Ende 2007 - neben den anderen Leistungen im Portfolio - zu Beginn des Jahres 2015 der Wunsch vorhanden, auch wieder kassenzugelassen als freier Mitarbeiter in einer "normalen" Physiotherapiepraxis tätig zu sein.
Rückblickend lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt sagen: Es war und ist spannend. Es war und ist sicher auch für viele Patienten ein Gewinn. Es war und ist ein Gewinn für mich als Therapeut - zu wissen, dass man gebraucht wird, dass man helfen kann und der eine oder andere Patient das auch zu schätzen weiß. Aber eine der wesentlichsten Erkenntnisse ist: Es macht keinen Spaß mehr. Das liegt weniger an den Patienten. Vielmehr ist die Gesetzgebung in Deutschland der Grund. Absurdität, Willkür der Kranken- bzw. Gesundheitskassen, Ignoranz bestehender Gesetzgebungen (selbst Urteile des Bundesgerichtshofes werden geflissentlich ignoriert), eine zunehmende Zahl von Knüppeln, die Physiotherapeuten zwischen die Beine geworfen werden, verleiden einem den Spaß an der Arbeit.


Ausufernde Bürokratie, Telefonate mit ignoranten Ärzten, die nur noch ihr Budget im Blickfeld haben, Absetzungen von ordentlichen Leistungen, weil der Arzt den falschen Indikationsschlüssel gewählt hat oder Rechtschreibfehler im Rezept nachgewiesen werden, Absetzungen durch Unkenntnis des Inhaltes eines Heilmittelkataloges, tragen in erheblichem Maße dazu bei, dass die tägliche Arbeit weniger vom  Dienst am Patienten, sondern vielmehr mit bürokratischem Aufwand gefüllt ist.

Hier zeigt sich, dass das Personal Fitness Training tatsächlich die Krone der Intervention am Kunden ist. Kundenorientiertes Denken und Handeln werden mit zufriedenen und begeisterten Kunden belohnt. Der bürokratische Aufwand beschränkt sich auf das Erstellen eines Honorarvertrages. Besprechung der individuellen Zielsetzung, sowie Vor- und Nachbereitung sind Bestandteile des Trainings und der Intervention. Die zur Verfügung stehende Zeit ist selbstbestimmt - in Absprache mit dem Kunden. Genauso funktioniert effektives Arbeiten. Transparenz sowohl hinsichtlich der Intervention - sei es ein Training oder eine Physiotherapie - wie auch in der Preisgestaltung und des zeitlichen Aufwandes bilden eine Vertrauensbasis, die der Kunde und der Patient versteht und die dem Therapeuten/ Trainer Spaß machen.

Im Bereich der Physiotherapie lernen sowohl der Patient wie auch der Therapeut die freie Zeitwahl - und das kann gerne auch mal eine Stunde sein - schätzen. Die Tätigkeit wird anständig entlohnt - im Gegensatz zu den Erstattungssätzen der gesetzlichen Krankenkassen, wo Stundenumsätze von 30-35 € eher die Regel als die Ausnahme sind. Davon kann kaum ein selbstständiger Physiotherapeut leben. Zumindest nicht, wenn man realistisch Ausgaben für die private Altersvorsorge, Versicherungen, Rücklagen für Notfälle und Krankheitstage berücksichtigt. Von Ausgaben für die Warmmiete einer Praxis, einer privaten Wohnung, Versicherungen wie Hausrat, Haftpflicht, Rechtsschutz u.a., Kosten für  ein Kfz und vieles andere mehr mal abgesehen.
In Anbetracht des Ausbildungsaufwandes, der Fortbildungsverpflichtungen und der damit verbundenen Kosten hinkt die Lohnentwicklung der Physiotherapeuten der allgemeinen Einkommensentwicklung um mindestens 40 % hinterher. Alle Beteiligten wissen das - aber es ändert sich nichts. Erst kürzlich wurde die Überarbeitung des Heilmittelkataloges auf Eis gelegt, damit sich die Berufsgruppe der Podologen nicht einer grundsätzlichen Überprüfung ihres Berufsstandes ausgesetzt sieht. Fatal.

Letztendlich führt all dies zu einer konsequenten Hinterfragung der eigenen Tätigkeit mit dem Ergebnis, die Leistung wieder ausschließlich Privatpatienten bzw. Menschen zur Verfügung zu stellen, die den Wert ihrer Gesundheit erkannt haben und bereit sind, dafür das eine um's andere Mal auf eine Autowäsche oder ein Essen in einem Restaurant zu verzichten.

So endet zum 30.09.2016 die Tätigkeit als freier Mitarbeiter in der Praxis Physiopoint (die Praxis wird aus betrieblichen Gründen von dem Inhaber Timo Fiederer, der weiterhin in Großbottwar tätig sein wird, geschlossen). Selbstverständlich werde ich allen Patienten und Kunden auch weiterhin zur Verfügung stehen - mit Rat und Tat! Das Portfolio wird erweitert, Trainingseinheiten werden beim Kunden/ Patienten zu Hause oder vornehmlich im Bietigheimer Ballkult Ellental durchgeführt werden. Privatpatienten genießen den Vorteil des Hausbesuches, so dass Fahrzeiten in die Praxis entfallen und dafür mehr Zeit für die Therapie erhalten bleibt. Ich freue mich auf die neue Aufgabe.

-JP-

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