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Kann Entspannung im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung funktionieren?

Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es zunächst der Definition des Begriffes "Entspannung".
Entspannung steht für:
* eine Entlastung der Muskulatur,
* eine Methode zur Verminderung der körperlichen und seelischen Anspannung und Abbau von Stress,
* die Verbesserung zwischenstaatlicher Beziehungen,
* Herabsetzung der Oberflächenspannung von Wasser durch Tenside,
* Minderung des Drucks eines unter Überdruck stehenden Fluids und
* einiges andere mehr

Wir sehen, letztendlich ist es eine Frage der Betrachtung und somit relativ.
Im Bereich der Muskulatur ist ein hoher Muskeltonus nicht zwingend pathologisch. So erhöht ein Krafttraining den Tonus, was per se nicht schlecht sein muss.
Dafür, dass Entspannung gegen Stress hilft, gibt es keine Evidenz. Denn wer im Stresszyklus gefangen ist und permanent Cortisol über die Nebenniere ausschüttet, kann nicht mehr entspannen - egal mit welcher Methode.



Die drei letzten Beispiele können wir im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung außer acht lassen.
Wenden wir uns auf der Suche nach einer Antwort auf die Eingangs gestellte Frage also dem Thema Stress zu.

Betrachten wir die Entstehung von Stress, so stellen wir fest, das biochemisch und biologisch gesehen die Abläufe immer die Gleichen sind. Abhängig der Stressoren erfolgt eine Bewertung - der Grund allen Übels - der Situation, die je nach Gemütslage, körperlicher und seelischer Verfassung und Veranlagung die Basis für unsere Reaktionen darstellt. Die Ausschüttung von Cortisol und Prolaktin als wirksame Hormone nehmen Einfluss auf unseren Stoffwechsel mit dem Ziel, diesen auf Kampf oder Flucht einzustellen. Glauben Sie allen Ernstes, dass in der Urzeit ein Höhlenmensch auch nur eine Sekunde über Entspannung nachgedacht hat? Stress ist eine Art Überlebensstrategie mit dem Ziel, uns vor Ungemach zu bewahren, uns zu schützen. Für wenige Stunden, nicht über Tage, Wochen oder Monate. Also sozusagen eine Art der kurzfristigen Lebensversicherung. Deswegen halte ich Entspannungstrainings für eine ungeeignete Methodik, Stress abzubauen oder gar zu verhindern. Denn unsere Vorfahren sind solchen Situationen mit einem hohen Maß an Bewegung begegnet. 
Vielmehr muss der Stress in die richtigen Bahnen gelenkt werden und dies geschieht vornehmlich mit der Bewertung einer Situation. Das gelingt bestens mit Konflikttraining, Konfliktvermeidung und einer positiven Bewertung von Stresssituationen. Dabei geht es nicht darum, Stress zu vermeiden, sondern durch die positive Bewertung den Energieschub zu nutzen, um optimierte Leistung bringen zu können (in dem Zusammenhang von "positivem Stress" zu reden, ist falsch). Denn Stress blockiert in Ihrem Gehirn die Areale, die für zielführenden und strategisches Denken verantwortlich sind.



Entspannungstechniken sind gut geeignet, um in Phasen der Ruhe und Gelassenheit, diese zu verstärken und zu unterstützen, aber kaum ein probates Mittel im Alltag. Denn mit Entspannung begegne ich keinem Vorgesetzten, der mir gerade schonend beizubringen versucht, dass meine Tage in seinem Unternehmen gezählt sind. Ich kann und will definitiv nicht entspannen, wenn mein Kollege mir zum wiederholten Male seine Arbeit liegen lässt und ich deswegen Überstunden machen muss. Entspannung nützt mir wenig, wenn ich die mir gestellten Aufgaben nicht schaffe und Angst vor neuen Herausforderungen habe. Einzig und allein hilft mir in solchen Situationen die Bewertung zu verändern - die Kündigung als einen längst überfälligen Neubeginn zu betrachten; dem Kollegen kommunikativ zu begegnen und ihm die Situation zu erläutern, in die er mich bringt; zu kommunizieren, dass ich die mir gestellten Aufgaben nicht in dem gesetzten Zeitrahmen erfüllen kann usw. - und letztendlich auf dem Wege der Konfliktbewältigung achtsam, respektvoll und dennoch mutig mich den Herausforderungen zu stellen. Da ist Entspannung wenig hilfreich. Vielmehr sind der Abtransport der Hormone und deren Verstoffwechselung ein probates Mittel, also mit Bewegung, mit muskulärer Aktivität.

Können Sie während der Arbeitszeit entspannen? Können Sie - wenn Sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und Frau/ Mann und Kinder mit dem Essen auf Sie warten entspannen?
Sie werden sagen, nein kann ich nicht oder ja, kann ich, weil beispielsweise die Anwesenheit der Familie für Sie wichtig ist und es Ihnen hilft, "herunter zu kommen". Das ist jedoch keine Entspannung, sondern eine willkommene Ablenkung, deren positive Bewertung sie zu dem werden lässt, was Sie erwarten.

Viel wichtiger als Entspannung im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung sind Maßnahmen zur Konfliktbewältigung und Kenntnisse zur Konfliktentstehung. Beherrschen Sie das Spiel auf der Klaviatur von Respekt, Achtsamkeit, Ehrlichkeit und Offenheit, können Sie den nächsten Stress getrost in Ihrem Kopf entstehen lassen (denn dort entsteht er - ob Sie das wollen oder nicht (Stress macht man sich immer selbst), ohne Entspannung zu suchen, weil Sie Wege finden werden, Ihren Energieschub in die für Sie richtigen Bahnen zu lenken. Mit der richtigen Bewertungsstrategie machen Sie die Bahnen in Ihrem Gehirn wieder frei, die für logisches, zielgerichtetes und strategisches Denken erforderlich sind.

-JP-
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