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Gibt es "sinnvolle" Fitnessübungen?

Zugegeben, eine Frage nicht ganz ohne Polemik. Dennoch oder gerade deshalb zumindest Diskussionswürdig, wie ich meine.
Anlass war ein Post auf Facebook, bei dem es darum ging, ob es sinnvoll erscheint beim Reverse Butterfly die Schultern so weit zurückzunehmen, dass beide Oberarme parallel zueinander kamen.
Und in dem Zusammenhang kann man nun trefflich darüber diskutieren was sinnvoll, gefährlich, sinnfrei oder einfach nur idiotisch ist.
Zunächst einmal etwas Grundsätzliches. Die Trainingswissenschaft der vergangenen 50 Jahre lehrt uns einige Grundlagen des Trainings, die zu beachten nicht verkehrt ist. Die Lehrsätze sind unter anderem:

  • Training bedeutet einen adäquaten Reiz zu setzen, meint der Reiz muss so stark sein, dass  die unterschiedlichen Gewebe zur Anpassung gezwungen werden.
  • Full Range of Motion meint, nutze das vollständige Bewegungsausmaß der beteiligten Gelenke aus. Damit die beteiligten Strukturen (Muskeln, Sehnen, Bänder, Faszien, Knochen, Knorpel ....) "lernen" auch zu Beginn wie am Ende - also über das gesamte Bewegungsausmaß - Kraft, Stabilität, Koordination und was auch immer sonst noch zu entwickeln. Bewege ich eine Muskel beispielsweise immer nur über einen Winkel von 40° wird der Muskel auch nur innerhalb dieses Bewegungsausmaßes Kraft entfalten. Darüber und darunter definitiv nicht. Warum auch?
  • Form follows Function - Die Form folgt der Funktion. Ein Leitsatz der Architektur, aber gerade deshalb für unsere "Körperarchitektur" sehr gut geeignet.  Meint so wie wir uns den überwiegenden Teil des Tages bewegen (oder auch nicht), so bilden sich die an der Bewegung beteiligten Strukturen aus. Im positiven, wie auch leider im negativen Sinne.
  • Eine Bewegung ist so lange als gut und physiologisch zu bewerten, so lange sie nicht zwanghaft (in Zwangsstellung) erfolgt. Meint das sowohl die Ausgangs- wie die Endposition nicht durch Zwang von Außen erfolgt (als Beispiel sind hier Bizeps-Carls mit Armauflage oder Nackenziehen! am Latissimus-Zug aufgeführt).
Es gibt natürlich noch mehr Leitsätze, die aber bei der Beantwortung der Eingangs gestellten Frage eher unbedeutend sind.



Gibt es also sinnvolle Übungen?

Ja, gibt es. Alle mehrgelenkigen Übungen unter Einbeziehung des eigenen Körpergewichts (weil es in der Natur KEINE eingelenkigen Bewegungen gibt). Alle Bewegungen, die einer "natürlichen" Bewegung, einem "natürlichen" Bewegungsablauf entsprechen und die weder zu Beginn noch zum Ende einer Zwanghaftigkeit unterliegen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Menschen untereinander verglichen, vollkommen unterschiedliche Bewegungsausmaße auszuführen in der Lage sind. Ob es dann Sinn macht, das Bewegungsausmaß durch geeignetes Training zu vergrößern, muss die individuelle Zielsetzung entscheiden - und die Notwendigkeit, darüber im Alltag auch verfügen zu müssen (wobei mit "Alltag" durchaus auch die sportliche Betätigung gemeint sein darf).


Gibt es demzufolge auch Übungen, die nicht sinnvoll sind?

Ja, auch das gibt es. Alles, was dem Gegenteil dessen entspricht, was zuvor als sinnvoll aufgelistet wurde, ist vom Sinn befreit!

Beispiele:
  • Die Ellenbogen beim "Reverse Butterfly" soweit nach dorsal zu bewegen, bis die Oberarme parallel zueinander gehalten werden, kann dem natürlichen Bewegungsausmaß des Trainierenden entsprechen. Auch wenn das von Außen betrachtet unnatürlich sein mag, schadet es nicht, da die Bewegung am Gerät (Seilzug oder Maschine) ohne Zwang und unter Einsatz der eigenen Muskelkraft erfolgt. Im Gegenteil: Alle beteiligten Strukturen werden aktiv trainiert und lernen, über das gesamte Bewegungsausmaß Kraft zu entfalten. Top. Auch oder gerade bei Hypermobilität.
  • Das "gute, alte" Nackenziehen. Ist die Beweglichkeit in den Schultergelenken ausreichend und kann die HWS über das gesamte Bewegungsausmaß der Übung aufrecht gehalten werden, geht das Nackenziehen vollkommen in Ordnung. Selbst dann, wenn man bedenkt, dass die Startposition wie auch der Bewegungsablauf selbst in der verriegelten Position des glenohumeralen Gelenkes stattfinden, geht die Bewegung in Ordnung, solange sie nicht in einer Zwangshaltung durchgeführt wird. Für manche Sportarten (Pitcher beim Baseball, Golf, Tennis) ist es sogar sinnvoll, die Übung auf diese Art auszuführen. Wer damit im Alltag nichts anfängt, sollte darauf verzichten und lieber vor der HWS ziehen (noch besser Klimmzug üben). 
Bei allen Übungen gilt: Ausführen lassen und die Bewegung beobachten. Liegen Einschränkungen in der Beweglichkeit der HWS oder der BWS vor, gilt es, diese vorrangig einer Therapie zuzuführen. Haben die Trainierenden bei der Bewegungsausführung Schmerzen, gilt es diese zu beachten, zu respektieren und entsprechend zu behandeln - je nach vorliegender Ursache. Denn Schmerzen hemmen die Aktivität der motorischen Vorderhornzelle und machen eine Ausführung sinnfrei.

Und genau hier beginnt die eigentliche Problematik.

Leider ist der "Trainer" kein geschützter Beruf. Jede/r darf sich so nennen. Qualitätsnachweise sind nicht erforderlich und wenn sie vorliegen, kommt es immer darauf an, unter welchen Kriterien und von wem sie verliehen wurden. Nachdem die Fortbildungsmafia auch im Bereich der allgemeinen Trainings-Pseudowissenschaften ihr Unwesen treibt, kann jeder Fort- und Weiterbildungen anbieten. Auch hierbei gibt es keinerlei Qualität- oder Richtigkeitsnachweis. Und ich schreibe das an dieser Stelle wirklich ganz bewusst, weil sich in den sozialen Netzwerken eine große Zahl an Fortbildungsanbietern tummelt, die durchaus ein gutes Feedback verzeichnen können, von denen aber niemand so richtig weiß, ob das, was sie erzählen auch Evidenzbasiert ist. Das Meiste ist es nämlich nicht.
Bevor Sie also auf eine vermeintliche Weiterbildung "rennen" und Übungen verteufeln, fragen Sie immer nach der Evidenz. Liegt keine vor, kann man das so lehren, wie es der Anbieter tut. Man muss es aber nicht und leider ist dann auch nicht viel mehr, als eine These. Und hat nur so lange Gültigkeit, bis einer kommt, der das Gegenteil behauptet. 

Zielsetzung und Test

Fragen Sie als Trainer immer nach der Zielsetzung. Wie sagte schon Seneca, der alte griechische Seefahrer: Wer den Hafen nicht kennt, in den er segelt, für den ist kein Wind der Richtige.
Wenn Sie Leute beim Training beobachten, seien Sie sich darüber bewusst, das der liebe Herrgott den Menschen sehr vielfältig gestaltet hat und verteufeln Sie nicht gleich jede komisch aussehende Bewegung, sondern fragen Sie nach der Zielsetzung. Machen Sie sich selbst ein Bild und nutzen Ihren logischen Menschenverstand (sofern vorhanden - bisweilen zweifle zumindest ich daran).

Bevor Sie selbst mit einer Person trainieren, die Sie nicht kennen, machen Sie einen Test. Am Besten den FMS mit der einen oder anderen Erweiterung. Er gibt Aufschluss darüber, was der Betreffende zu leisten in der Lage ist. Auch hier gibt es einen berühmten Vertreter der Sportszene, der es so formulierte: If you don´t test, it´s just a guess! Und dem Zufall sollten wir nichts überlassen. Das ist es nämlich kein Training.

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