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Ein Leitfaden "Wie finde ich den richtigen Physiotherapeut?" ... ;-)

Immer wieder kommt die Frage auf "Wie finde ich den für mich richtigen Physiotherapeut?". Dazu sollte man als Patient oder als jemand, der einen Physiotherapeuten für das richtige Mittel hält, einiges wissen.
Zunächst trifft eine solche Entscheidung immer der Patient selbst. Ärzten ist es untersagt, Ihnen eine explizite Empfehlung zu geben! Er kann in eine Liste mit zwanzig oder mehr Therapeuten in die Hand geben, er kann Ihnen mit dem Hinweis auf das Internet - beispielsweise Google - eine Suchempfehlung aussprechen, wie Sie in Ihrem Umfeld jemand finden, aber er darf Sie definitiv nicht an seine Frau Gemahlin, die zufällig Physiotherapeutin ist und ihre Praxis im 2. Stock des gleichen Hauses betreibt, empfehlen.
Das Wissen um die freie Therapeutenwahl ist ebenso wichtig, wie die freie Arztwahl. So ist das in Deutschland und nicht anders - auch wenn es leider immer wieder anders praktiziert wird!

Auf die genderspezifische Ansprache wird im nachfolgenden Artikel aus Gründen der Vereinfachung verzichtet.

Der richtige Physiotherapeut

Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob es Sinn macht diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Was heißt "richtig"? Was wäre dann "falsch"? Gibt es "DEN" Richtigen?
Grundlage des therapeutischen Daseins ist zunächst die Intention. PT wird man nicht einfach so. Es gibt so eine gewisse Grundtendenz zum Heilen, dem Bedürfnis, anderen zu helfen. Wirtschaftliche Interessen sind es auf keine Fall. Dazu sind die Verdienstmöglichkeiten der überwiegenden Zahl der Therapeuten zu gering (je nach Bundesland zwischen 1.800 und 2.300 € Brutto, in manchen Praxen sogar noch unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn). Der schnöde Mammon scheidet also vollständig aus.
Des Weiteren absolviert ein Physiotherapeut eine 3-jährige Ausbildung an einer i.d.R. privaten Berufsfachschule, die ihn oder seine Eltern drei Jahre lang jeden Monat zwischen 300 und 500 € kostet. Hat er dann endlich nach einer sehr umfangreichen Ausbildung an einer - zugegeben - mehr oder weniger guten Schule abgeschlossen, absolviert er ein Staatsexamen, eine vierwöchige Prüfung in Theorie und Praxis. Dann ist er fertig. So fertig, das manche erst einmal zur Erholung nach Neuseeland müssen ;-).
Kehrt er dann zurück, geht es richtig los.

So können Sie als Patient versichert sein, das wer sich Physiotherapeut nennt, auch einer ist. Es ist ein geschützter Beruf. Das ist wichtig, denn es gibt jede Menge sogenannter Berufe, bei denen das nicht so ist. So unterliegen Osteopath, Chiropraktiker, Heilpraktiker, Homöopath beispielsweise nicht diesem Schutz. So kann sich letztendlich jeder nennen, der die Lust danach verspürt oder sich das Mäntelchen des "professionellen" Heilers umhängen möchte.

Wenn wir also von dem "richtigen" Therapeut reden, zeichnen diesen m.E. folgende Dinge aus:
  • fundierte Ausbildung
  • die Intention
  • die Fähigkeit, zielführende Fragen zu stellen
  • die Fähigkeit des Zuhören können´s
  • Sicherheit im Handlings, der sogenannten "Hand´s On" - ja, ein Therapeut fasst Sie an
  • Defintion der Zielsetzung (Ihrer Zielsetzung nicht seiner)
  • Strategie
  • Fähigkeit zur Motivation
  • Fähigkeit zur Kontrolle und ggf. Korrektur seiner Arbeit, wenn´s mal nicht gleich wird
  • letztendlich v.a. Erfolg - der aber natürlich nicht nur vom Therapeuten abhängt, sondern im Wesentlichen von Ihrer Mitwirkung, der Diagnosenstellung, dem Krankheitsbild, dem Arzt
  • selbstverständlich Dinge wie gepflegtes Erscheinungsbild (weiße Hose und weißes T-Shirt müssen nicht sein - die Zeiten sind vorbei), klare und verständliche Ausdrucksweise, Freundlichkeit, Offenheit, Bereitschaft zur Erklärung medizinischer Befunde
Hieran erkennen Sie als Patient schon, dass Ihnen diese Kriterien Google nur sehr bedingt verrät. Damit das nicht zu leicht für Sie wird, hat der Gesetzgeber die Möglichkeiten erweitert.

So finden Sie auf dem "Markt" die Bezeichnungen Krankengymnast, Physiotherapeut, Physiotherapeut BSc (das ist die studierte Variante mit Bachelor-Abschluss), Physiotherapeut M.Sc. (studierte Variante mit Master-Abschluss) - keine Sorge - alles das Gleiche. Letztendlich sind alle Physiotherapeuten. Die unterschiedlichen Ausbildungsvarianten wurden durch das Bologna-Gesetz ermöglicht und sollen eine internationale Gleichstellung bewirken, wobei innerhalb der EU ausschließlich England das einzige Land ist, in dem so etwas auch konsequent umgesetzt und anerkannt ist. Bedenken Sie: Ein Titel macht noch keine Musik.

Was zählt also noch? Richtig, Erfahrung. Wenn das auch von jungen Kollegen immer wieder mal in Abrede gestellt wird. Denn: Können = Wissen + Erfahrung! Das ist ein bisschen blöd für die jungen Kollegen, ist aber so. Das heißt nicht, dass Sie sich nicht in die Hände eines jungen Kollegen begeben dürfen. Doch, der muss es auch lernen. Aber wenn Sie die o.g. Kriterien zu Grunde legen, arbeitet dieser junge Kollege unter der Aufsicht eines erfahrenen Therapeuten und dann ist alles gut.

Mit anderen Worten: DEN Therapeut finden Sie nicht im Internet. Papier ist geduldig. Versprochen wird Ihnen viel. Das Ergebnis ist entscheidend. Titel klingen gut, machen aber noch keinen guten Therapeuten. Wer wissenschaftlich arbeitet, ist ein guter Wissenschaftler, aber nicht zwingend ein guter Therapeut. Wer den ganzen Tag vor seinen Büchern sitzt, hat wenig Bezug zum Patienten. Wer Metzger gelernt hat, ist nicht unbedingt ein guter Schreiner. So bleibt Ihnen am Ende nichts anderes übrig, sich auf andere zu verlassen. Ein wesentliches Kriterium ist die Mund-zu-Mund-Propanda, also das sog. Dorf-Telefon. Die Erfahrungswerte anderer sind schon bisweilen ein ganz gutes Indiz für Leistung. Selbst wenn mal eine schlechte Erfahrung dabei ist, zählt das große Ganze. Nicht jedem kann geholfen werden. Das muss Ihnen klar sein. Aber wenn ein Kollege im Ort und im Umfeld einen "guten Namen" hat, dürfen Sie dem schon vertrauen.
Hingehen und diese Erfahrungen sammeln und bereichern müssen Sie selber.

Aber Achtung! Wenn Sie Ihren Nachbarn sagen hören: "Der Kollege behandelt schon seit zehn Jahren meinen Rücken" seien sie vorsichtig. Entweder hat ihr Nachbar wirklich ein chronisches, inoperables und nachhaltiges Rückenleiden (was wohl eher ausscheidet, wenn Sie sich beim Umzug oder beim wöchentlichen Rasenmähen der 1000 qm großen Rasenfläche Ihres Nachbarn treffen) oder der Therapeut ist einfach nur nett. Aber nicht gut. Eben nur nett. Wenn Ihnen das reicht und Ihre Erwartungshaltung entsprechend gering ist, ist es auch in Ordnung.

Erfolg

Ein zweifelsohne wichtiges Indiz ist der Erfolg. Wie schon gesagt, hängt dieser von vielen Kriterien ab, die es zu berücksichtigen gilt. Dennoch muss das Bestreben eines Therapeuten sein, bereits nach der ersten Behandlung einen Erfolg zu erzielen. Sollte das nicht gelingen, gibt es sozusagen eine zweite Chance. Ändert sich auch dann nichts, muss eine andere therapeutische Intervention erfolgen. Und zwar nach einer Korrektur der Arbeitshypothese und gem. sogenannter Kontrollbefunde. Unterbleibt das, sehe zumindest ich das als groben Fehler an. Es mag Gründe geben, dieses Verfahren zu unterlassen. Aber dann fragen Sie als Patient nach. Lassen Sie sich erklären, warum der Kollege geduldig immer wieder das Gleiche macht, ohne einen Erfolg zu erzielen.


Ihr Weg

Überhaupt sind Sie als Patient das/ der Wichtigste. Wenn Sie nicht bereit sind, den Anweisungen und Empfehlungen des Therapeuten zu folgen, Ihre Hausaufgaben zu machen, mehr zu trainieren, sich adäquat zu ernähren .... können Sie sich die ganze Mühe sparen. Der häufigste Grund für Misserfolg ist es, nicht das zu tun, was erfahrene Menschen Ihnen sagen. Das Argument, seine eigenen Erfahrungen machen zu wollen, zieht in Ihrem Falle nicht. Sie haben als Patient ein Problem und Sie wollen, das es so schnell wie möglich besser wird. Dann müssen Sie soviel wie möglich dafür tun. Wollen Sie das nicht, ist es auch in Ordnung. Aber dann belasten Sie nicht das Budget des Arztes und stehlen nicht die kostbare Zeit des Physiotherapeuten. Denn Behandlungszeit ist etwas, was der Therapeut nicht hat.



Regulär verbleiben einem Therapeuten gem. den mit der gesetzlichen Krankenkasse abgeschlossenen Rahmenverträgen ca. 15 - max. 20 Minuten. Darin sind Ausziehen, Anziehen, Rezept unterschreiben, Gebühren entrichten eingeschlossen. Also verbleiben effektive 10 - 15 Min. Behandlungszeit. Das ist nicht wirklich viel. Da müssen Sie als Patient schon aktiv an Ihrer Heilung mitwirken - sonst wird das nix!

Fazit

Gemeinsam sind wir stark. SIE und IHR Therapeut. Bilden Sie ein Team! Arbeiten Sie mit, seien Sie aktiv und fügen Sie sich nicht in Ihr Schicksal. Ihr Therapeut wird Ihnen dabei gerne helfen.
Glauben Sie nicht alles, was Ihre Nachbarn sagen, aber vertrauen Sie auf Empfehlungen. Wenn Sie eine Praxis betreten, achten Sie auf Sauberkeit und Ordnung, aber lassen Sie sich nicht blenden. Weder von Titeln noch von Einrichtungen. Rät Ihnen der Therapeut zu Privatleistungen, seien Sie kritisch und hinterfragen Sie den Sinn und Zweck. Macht es Sinn und ist plausibel, vertrauen Sie Ihrem Therapeuten und nehmen Sie ein paar Euronen in die Hand. Das Geld holen Sie locker wieder ´rein, weil Sie sich die Magnet-Matte, die Sie bei der letzten Kaffee-Fahrt hätten kaufen sollen, sparen können. Ihre Gesundheit sollte es Ihnen wert sein.
Glauben Sie nicht alles, was man Ihnen verspricht. Reflektieren Sie kritisch und mit Bedacht. Vermeiden Sie die sogenannte Internet-Schlauheit. Ständiges Nachlesen der eigenen Krankheit, v.a. auf einschlägigen Seiten wie "gute-frage.net" ist weder hilfreich noch zielführend. Vertrauen Sie Ihrem Therapeuten, sofern er konsequent, unterstützend und aktiv mit Ihnen zusammen Strategien entwickelt, die in erster Linie Ihnen zur Gesundheit verhelfen.

-JP-

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