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Der Iliopsoas (Hüftbeuger) - Haben wir den Schuldigen für Rückenschmerzen gefunden?

Fazit: [...] Der M. Iliopsoas ist höchstwahrscheinlich keine Ursache von Rückenschmerzen. Die Behandlung des M. iliopsoas ist in vielen Fällen klinisch nicht zu rechtfertigen und kann zu zusätzlichen Problemen führen. [...]
Ein Artikel von Tobias Saueressig Iliopsoas - Ursache für Rückenschmerzen?

Iliopsoas – Ursache für Rückenschmerzen?

[...] Der M. iliopsoas (IP) wird häufig als Ursache für Rückenschmerzen angesehen. Ist der M. iliopsoas verspannt und schmerzhaft, dann kann die Therapie ja eigentlich schon beginnen. Dann wird je nach Ausrichtung des Therapeuten der Muskel gedehnt, gedrückt, ausgerollt und gekräftigt. Die Frage ist nur, ob der M. iliopsoas tatsächlich Ursache der Rückenschmerzen ist? [...]

[...] Es wird von einigen Autoren die Meinung vertreten, dass nur der IP die Hüfte über 90 Grad beugen kann. Die anderen Hüftbeuger 5 hätten keinen ausreichenden Hebelarm für eine Beugung der Hüfte über 90 Grad. Diese Überzeugung wurde meines Wissens erstmals von der Physiotherapeutin Shirley Sahrmann vermittelt. Jedoch existiert keine Studie die, diese Annahme belegt. Es ist zwar logisch, dass aufgrund der stärkeren Annäherung der anderen Hüftbeuger, diese weniger Kraft aufwenden können als der IP, jedoch sind diese Muskeln bei weitem nicht inaktiv. 6

Der M. Iliopsoas als Verursacher von Rückenschmerzen?

[...] Die Geschichte, die gerne von Befürwortern (z.B. Liebscher und Bracht, oder dieser Artikel) des IP bzw. der Hüftbeuger allgemein als Ursache von Rückenschmerzen geäußert wird ist:

“Die meisten Menschen sitzen viel zu viel und bewegen sich zu wenig. Im Sitzen ist die Hüfte durchgängig gebeugt. Dadurch verkürzen sich die Hüftbeuger (IP) und passen sich an die sitzende Position an. Es kommt zu verkürzten und verspannten Hüftbeugern (IP). Dies führt dazu, dass die verkürzten Hüftbeuger an den Wirbeln ziehen und zu Kippung des Beckens nach vorne verursachen. Dadurch entstehe das Hohlkreuz (die Hyperlordose). Dieses verursacht zusätzlichen Druck auf die Bandscheiben, so dass es mit der Zeit zu einem Verschleiß der Wirbelsäule und Schmerzen kommt.” [...]



[...] Diese Erklärung erscheint auf den ersten Blick für die meisten Menschen plausibel. Jedoch ist diese Annahme nicht schlüssig.

Analyse

Es existiert keine Studie, die beweist, dass Sitzen die Hüftbeuger verkürzt. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass selbst eine lange Zeit zu Sitzen die Hüftbeuger verkürzt. Verkürzungen (Kontrakturen) entstehen erst, wenn über längere Zeit ein Gelenk komplett still gelegt (immobilisiert) ist. Das ist beim Sitzen wohl kaum der Fall. Irgendwann wird das Sitzen unterbrochen und es kommt wieder zu einer Streckung des Hüftgelenks und damit zu einer Ausgleichsbewegung für das Hüftgelenk.
Häufig wird von den Befürwortern dieser “Iliopsoas Theorie” ein Vergleich zu anderen Kulturen gezogen, die nicht in Stühlen sitzen und viel gesünder wären. Jedoch wird die tiefe Kniebeugen in den meisten Kulturen (z.B. Asien oder Naturvölker) zum Sitzen benutzt. Hier wird das Hüftgelenk maximal gebeugt. Müssen diese Kulturen auch Angst haben, dass sich Ihre Hüftbeuger verkürzen? 7
Das Sitzen steht in keinem Zusammenhang mit Rückenschmerzen. 8
Ein Hohlkreuz aber auch andere Haltungsabweichungen von der Norm stehen in keinem Zusammenhang mit der Entwicklung von Rückenschmerzen. 9
Prospektive Studien 10 zeigen hingegen, dass eine Verkürzung der Hüftbeuger nicht ursächlich für Rückenschmerzen ist. Eine Studie 11 konnte zeigen, dass kein Zusammenhang zwischen der Verkürzung der Hüftbeuger und Rückenschmerzen besteht.

Damit bleibt von der Theorie, dass der M. iliopsoas der Verursacher von Rückenschmerzen nicht viel übrig.


Probleme bei der Behandlung des M. iliopsoas

Leider wird die oben dargestellte Theorie von einigen Therapeuten bis heute verfolgt und die Behandlung wird darauf abgestellt. Das führt jedoch zu einigen Problemen, die ich hier gerne ansprechen möchte.

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

(Paul Watzlawick)

Wenn ich als Therapeut davon ausgehe, dass mangelnde Länge der Hüftbeuger zu Problemen führe, dann suche ich auch danach. 12 Zwar glaube ich auch, dass ein “verkürzter” Hüftbeuger bei einigen(!) Patienten zu Problemen führen kann, jedoch hat dieser nicht immer(!) etwas mit den bestehenden Beschwerden zu tun! 

Übertriebener Fokus auf die Verbesserung der Hüftstreckung kann problematisch sein

Eine Verbesserung der Hüftstreckung ist kein Wert an sich, sondern muss klinisch gerechtfertigt werden und positive Resultate für den Patienten bringen. Meiner Erfahrung nach wird viel zu wenig überlegt, ob der Patient die zusätzliche Hüftstreckung überhaupt braucht. Beim Gehen oder Laufen braucht man ca. 10-15 Grad Hüftstreckung. Viele Patienten haben eine ausreichende Hüftstreckung und brauchen nicht mehr davon.

Eine übertriebene Steigerung der Beweglichkeit des Hüftgelenks in Richtung Hüftstreckung kann zu einer Irritation der vorderen Gelenkkapsel des Hüftgelenks führen. Im schlimmsten Falle kommt es zu einer Schädigung des Labrums (Gelenklippe der Hüfte). 14 

Massage des M. Psoas im Bauchbereich kann gefährlich sein

Die Massage des Iliopsoas wird häufig angewandt, um die Spannung des Muskels zu reduzieren und Schmerzen zu lindern (siehe beispielsweise diesen Link für eine Behandlung des M. psoas).

Für alle Leser, die noch nicht in den “Genuß” einer Psoas-Massage im Bauchbereich gekommen sind, erkläre ich kurz, wie eine Behandlung des Psoas aussieht. Bei der Behandlung des M. Psoas liegt der Patient mit angestellt Beinen auf der Liege. Durch Abheben des Kopfes identifiziert der Therapeut die oberflächliche Bauchmuskulatur des Patienten. Der Therapeut dringt dann in der Nähe des Beckens mit seinen aufgestellten Fingern tief in den Bauchbereich des Patienten und drückt auf den M. psoas. Durch Heben des Beins des Patienten kann der Therapeut spüren, ob er auf dem Psoasmuskel ist. Durch Streckung des Beins des Patienten kann noch eine zusätzliche Dehnung des Muskels erzielt werden. Dieses Verfahren ist gewöhnlich schmerzhaft für den Patienten.

Allerdings ist diese Prozedur problembehaftet:
Der Psoas ist mit diesem Verfahren nicht zu palpieren, da er zu tief im Inneren des Körpers liegt. Zwischen dem Psoas und den palpierenden Fingern liegen folgende anatomische Strukturen: Haut, Fett, drei Lagen Bauchmuskulatur, Peritoneum, Omentum, Dünndarm und Dickdarm. Daneben liegen noch die Beckengefäße und Nerven. Diese Strukturen machen es sehr schwierig bzw. unmöglich den Psoas zu palpieren.
Die Organe, Nerven und Gefäße werden bei dem Versuch den M. psoas zu palpieren komprimiert und können dadurch geschädigt werden. 15 Dabei haben die Strukturen keine Möglichkeit aus dem Weg zu rutschen oder aus dem Weg bewegt zu werden (z.B. ist der Dickdarm fest verankert).
Dünndarm und Dickdarm sind sehr empfindlich und leicht zu schädigen. Schon ein leichtes Trauma (Sturz oder Anrempeln beim Fußball) kann den Darm schädigen. 16 Hier wirken die Bauchmuskeln sogar noch als Schutz durch reflexive Anspannung. Bei der Behandlung des M. psoas werden die Bauchmuskeln noch extra entspannt!

Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die die Psoas-Massage auf ihre Wirksamkeit und Risiken untersucht hat.

Der M. Iliopsoas ist auch ohne Eingriff in den Bauchraum zu behandeln. 17
Fazit: Die Behandlung des M. Psoas über den Bauchraum ist medizinisch nicht vertretbar! [...]

Ihr Jürgen Pagel - Praeventfit - 

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