Direkt zum Hauptbereich

Update zu "Ist die Physiotherapie noch zu retten?"

In meinem Artikel vom 26.05.2016 stellte ich die Frage, ob die Physiotherapie noch zu retten ist. Nach nunmehr einem Jahr ist es an der Zeit, die seinerzeit gemachten Ausführungen zu überprüfen und ggf. zu korrigieren.

Fazit: Betrachtet man die Thesen am Ende des Artikels aus dem vorigen Jahr, hat sich in den wesentlichen Punkten nichts geändert. Zwar gab es auf der berufspolitischen Ebene seitens unserer derzeitigen "Noch-Regierungskonstellation" etwas Bewegung (neue Gesetze wurden verabschiedet, die Blankoverordnung wurde im HHVG festgeschrieben, neue Verhandlung hinsichtlich der Erstattungsbeträge laufen und kamen mittlerweile auch zum Abschluss), aber wirklich etwas geändert  hat sich nichts.
  • Modellversuche zur Blankoverordnung müssen zunächst auf den Weg gebracht werden. Dieses geschieht nach meiner Beobachtung zögerlich und bedarf einer umfassenden administrativen Vorbereitung, die Geld und Zeit kostet. Ob genügend Geld dafür vorhanden ist, vermag ich abschließend nicht zu beurteilen. Allerdings deutet der jüngst getätigte Aufruf von Physio Deutschland (ehemals ZVK) darauf hin, dass es zumindest knapp bemessen ist. Mit anderen Worten: Das kann dauern.
  • Die Modellversuche zum Studium für Physiotherapeuten wurden trotz positiver Erfahrungen erneut verlängert. Ergebnis offen. Frist gesetzt. Aber einer erneuten Verlängerung unter einer neuen politischen Führung steht sicher nichts im Wege. Mit anderen Worten: Das kann dauern.
  • Vergütungsverhandlungen wurden in einigen Bundesländern bereits abgeschlossen. Ergebnis: Eher bescheiden. Es ist von bis zu 10% die Rede, die aber erfahrungsgemäß weder beim Praxisinhaber und schon gar nicht bei den Angestellten ankommen werden. In Anbetracht der Versäumnisse der vergangenen dreißig Jahre und dem Defizit von mindestens vierzig Prozent, die es in den verbleibenden zwei Jahren, in denen die Grundlohnsummen-Kopplung freigestellt wurde, aufzuholen gilt ist das wahrlich lächerlich. Es gibt noch viel zu tun. Mit anderen Worten: Das kann dauern.
  • Der Direktzugang. Diesem wurde m.E. mit der angestrebten Blankoverordnung eine Absage erteilt. Sollte es dennoch wider Erwarten zu einem Einlenken der Ärzteschaft (die sich in großen Teilen sowohl der Blankoverordnung wie auch dem Direktzugang entgegen stellt) kommen, kann das ohne Weiteres noch dauern. 
  • Statt das Gesetz für Heilpraktiker (das sind diejenigen, die weder eine Berufs-, noch eine Prüfungs- und schon gar keine Ausbildungsordnung haben - im Gegensatz zu den examinierten Physiotherapeuten) endgültig zu überarbeiten und im einzigen Land der Welt beheimateten HP's eine Übergangsfrist zu setzen, ist es weiterhin für Physiotherapeuten unumgänglich (mit der einen oder anderen Ausnahme je nach Bundesland), sich einer erneuten Prüfung zu unterziehen, um einen eingeschränkten Zugang zu erhalten, der allerdings nicht für gesetzlich versicherte Patienten greift. Bis sich da etwas ändert, wird das noch eine Weile dauern.
Diese Auflistung ließe sich beliebig fortführen, macht aber wenig Sinn, weil das eben alles seine Zeit braucht. Und die Ergebnisse sind vorhersehbar.

Deswegen ist das Update eigentlich gar keines. Es gibt nach wie vor nur sehr begrenzte Möglichkeiten, den Beruf für angehende Physiotherapeuten attraktiv zu machen und das dieses dringend notwendig ist, zeigen die hinlänglich bekannten Zahlen des Fachkräftemangels, die vielerorts schon Relaität sind - auch wenn das von der Politik noch niemand so richtig wahr haben will.



Das Update ist keines, weil immer noch die gleichen Möglichkeiten bestehen, daran etwas zu ändern:
  • Freier Zugang zum Studium der Physiotherapie für alle Kolleginnen und Kollegen. Nachqualifizierung des Bestandes und alle, die ab 2020 den Beruf erlernen möchten, können dies nur noch über das vierjährige Studium.
  • Damit verbunden besteht ab diesem Zeitpunkt der Direktzugang mit unmittelbarer Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen - selbstverständlich mit voller Budgetverantwortung. Das negieren zu wollen ist einfach nur naiv. Hopp oder Top. Anders geht es nicht. Mit allen Konsequenzen.
  • Keine HP-Ausbildung mehr für Physiotherapeuten, da Direktzugang nach abgeschlossenem Studium.
  • Stundensätze jenseits realistischer 75 EUR müssen machbar sein.
  • Kein Vertrösten mehr durch die Berufsverbände. Einigkeit in der Zielsetzung bei Transparenz und nachhaltigen Entscheidungen. Kann das nicht gewährleistet werden abschaffen und auflösen.
  • Integration aller Zertifikatspositionen (sofern diese Evidenzbasiert sind) in das Regelstudium, so dass ein abgeschlossenes Studium zur Abrechnung aller Positionen befähigt.
Finden derartige Vorschläge auch in Teilen kein Gehör, bleibt meine Prognose bestehen, dass sich das Berufsbild des Physiotherapeuten im Jahre 2026 selbst beerdigen darf!

Euer Jürgen Pagel - Praeventfit - 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Sind Heilmittelerbringer systemrelevant?

Systemrelevanz – ein Kommentar von Jürgen PagelWas bedeutet Systemrelevanz?
Als systemrelevant (englisch systemically important, englisches Schlagwort dazu too big to fail, deutsch ‚zu groß zum Scheitern‘) werden Unternehmen bezeichnet, die eine derart bedeutende wirtschaftliche Rolle spielen, dass ihre Insolvenz vom Staat oder der Weltgemeinschaft nicht hingenommen werden kann. [Wikipedia]2019 traten wir den Kampf an, HME relevant für dieses System zu machen. Relevant deswegen, weil uns diese Relevanz in den vergangenen mehr als dreißig Jahren offensichtlich nicht zuerkannt wurde. Die Grundlohnsumme, als das zentrale Bemessungsinstrument für die Lohnentwicklung im Gesundheitsbereich und gleichzeitig Haupteinnahmequelle des Gesundheitsfonds, verhinderte eine Anpassung an den Markt. An der Inflationsrate vorbei, mussten Heilmittelerbringer jahrzehntelang hinnehmen, dass Preise stiegen, die Lohnentwicklung der Angestellten und die Vergütungssätze der Krankenkassen jedoch so niedrig blieb…

Flaggen in der Physiotherapie

In den letzten Jahren beginnt sich in der Medizin im Allgemeinen und in der Physiotherapie im Besonderen ein Modell durchzusetzen, das als Flaggenmodell (Bigos, Bowyer et al. 1994) bezeichnet wird.
Was steckt dahinter? Werden Physiotherapeuten jetzt zu Seefahrern?

CMD - ein vielschichtiges Krankheitsbild

CMD - viele Menschen haben sie, aber wenige wissen etwas damit anzufangen. Es gibt kaum ein komplexeres Krankheitsbild, als die "Craniomandibuläre Dysfunktion". Was sich dahinter verbirgt, lesen Sie hier.

Sie wollen mehr darüber wissen? Sie möchten eine verlässliche Befundung und benötigen fachlichen Rat?
Gerne stehe ich Ihnen mit den, am Ende des Artikels genannten Kontaktdaten zur Verfügung.