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Teuer, unsinnig, patientenfeindlich? Unser Krankenkassen-System im Fokus.

Anlässlich einer Sendung im ZDF vom 09.08.2017 erscheint es geboten, das System unserer Krankenkassen erneut unter die Lupe zu nehmen. Angesichts 16,7 Mrd. Euro Reserven erscheint es nicht nachvollziehbar, warum Patienten immer wieder gegen ihre Krankenkasse klagen müssen, warum Leistungen reduziert werden und beispielsweise Therapeuten Gehälter beziehen müssen, von denen ein "normales" Leben kaum möglich erscheint. Warum ist das so?

Gestiegene Kosten


Im Beitrag des ZDF (Hier geht es zur Sendung) wird deutlich, wo die Probleme liegen.
Die Mehrausgaben für Kursleistungen wie Yoga, Pilates u.a. sind in den vergangenen Jahren um 16 Mio. Euro gestiegen. Für viele gesetzlich versicherte Mitglieder ist es ein wesentliches Entscheidungskriterium, die Krankenkasse zu wechseln, werden solche Kurse nichtmehr unterstützt.
Die Kosten für nachgewiesener Maßen medizinisch unnütze Therapien wie beispielsweise die Homöopathie haben sich verfünffacht! Die Ausgaben für Werbung sind um 20% gestiegen.
Immer mehr Personal wird in immer weniger Kassen beschäftigt. Die Gründe dafür größtenteils scheinheilig und nicht nachvollziehbar. Von den 1200 Kassen, die 1992 den Markt unter sich aufteilten sind gerade einmal 113 übrig geblieben. Trotzdem wachsen die Verwaltungskosten exorbitant.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kassen sind dabei marginal. Und die Kosten werden auch für die Versicherten immer höher. In einem konkreten Beispiel ist von einem Zusatzbeitrag in Höhe 1,1 % die Rede, was bei dem Versicherten im Beispiel einen jährlichen Zusatzbetrag von 480 Euro ausmacht.
Die Kosten seitens der Krankenkassen steigen pro Jahr je Versicherten um mindestens 30 Euro.
Dennoch: Die Krankenkassen setzen auf Konkurrenz, auf Wettbewerb und treiben munter die Kosten weiter in die Höhe.


Wettbewerb

Die Krankenkassen sind untereinander in einen Wettbewerb getreten, bei dem um gesunde Mitglieder gebuhlt wird, die Kranken aber weitestgehend auf der Strecke bleiben. Sie scheue nicht davor zurück, Erntehelfer mit Prämien zu locken und Außendienstmitarbeiter verstärkt in´s "Feld" zu schicken, um bessere Abschlüsse zu erzielen. Denn Saisonarbeiter wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen - sind also vergleichsweise selten Krank, verursachen wenig Kosten und sind deswegen ein gern gesehenes Klientel bei den Krankenkassen. Wenn aber alle immer nur die "Guten" haben wollen, bleiben die "Schlechten" zwangsweise auf der Strecke. Vernichtend für ein Solidaritätssystem.
Der von der Politik initiierte Wettbewerb mag auf der einen Seite dazu beitragen, dass Leistungen auf den Prüfstand kommen. Auf der anderen Seite jedoch fördert ein Wettbewerb das Entstehen von Verlierern. Denn das ist das Grundprinzip eines Wettbewerbes.

Beispiel des Kampfes der Krankenkassen untereinander ist der sogenannte MORBI-RSA. In ihm sind rd. 80 Krankheitsbilder definiert. Ziel ist es, unter den Kassen einen Ausgleich für die Tatsache zu schaffen, dass das Klientel in den Kassen recht unterschiedlich geprägt ist. Die dabei zu zahlenden Ausgleichsbeträge sind momentan Anlass zu einer Klage der mhplus BKK vor einem ordentlichen Gericht. Denn mit den Krankheitsbilder des MORBI-RSA lässt sich trefflich Geld verdienen. Ein Grund für die jüngst an die Öffentlichkeit gerateneren Vorwürfe um eine bewusste Verschlechterung der Diagnosen bei niedergelassenen Ärzten - weil es für eine schwere eben mehr Geld aus dem RSA gibt, als für eine leichte Depression. Auf diese Art und Weise werden vermeintlich gesunde Patienten gerne einmal zu schwer kranken Patienten gemacht.
Ein Betrugssystem, das seinesgleichen sucht.

Deswegen merke: "Wer stark, gesund und jung bleiben und seine Lebenszeit verlängern will, der sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe tägliche Hautpflege und Körperübung, halte den Kopf kalt, die Füße warm und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei." Hippokrates.

Patientenfeindlich und unsinnig

Unbedingt mag man meinen. So sieht die Krankenkasse für eine physiotherapeutische Behandlung gerade einmal 15 -20 Minuten Behandlungszeit vor. Dafür erhält der Therapeut einen Betrag von ca. 16 Euro. Bei maximal drei zu behandelnden Patienten pro Stunde wundert es nicht, dass eine physiotherapeutische Praxis kaum wirtschaftlich geführt werden kann. Folgen sind lange Wartezeiten, wenig gut ausgebildetes Personal und vor allem fehlender Nachwuchs. Bei Gehältern zwischen 1600 und 2100 Euro Brutto auch kaum anders zu erwarten. So begründen sich lange Wartezeiten nicht durch Reichtum der Therapeuten, sondern in erster Linie durch fehlendes Personal. Der Mangel ist in nahezu allen Bundesländern angekommen. Allerdings vermögen das die Therapeuten selbst kaum zu ändern, weil die Preise durch den Einfluss der Politik festgelegt wurden und die Krankenkassen wenig bis gar kein Bereitschaft zeigen, hier die Versäumnisse der letzten dreißig Jahre aufzuholen.

Patientenfeindlich deswegen, weil ein Allgemeinmediziner für einen Patienten pro Quartal offenbar einen Betrag von ca. 28 Euro erhält und dieser Betrag sich auch nicht bei einem wiederholten Besuch in drei oder vier Wochen wegen dem gleichen Krankheitsbild erhöht.

Patientenfeindlich deshalb, weil offensichtlich unnütze Therapieformen wie Homöopathie, anthroposophische Medizin und Osteopathie, die allesamt keine kassenzugelassenen Therapieformen darstellen, aus marketingtechnischen Gründen bezuschusst werden.

Teuer und unsinnig

Teuer weil eine kostenlose Mitversicherung von Angehörigen einen Luxus darstellt, den es so in keinem anderen Land dieser Welt gibt und den wir uns eigentlich gar nicht mehr leisten können. Selbst dauerhaft im Ausland lebende Angehörige werden unterstützt.


Lösung

Um dieses Krankenkassensystem Günstig, Sinnvoll und Patientenfreundlich zu gestalten, bedarf es vieler Anstrengungen. Seitens der Politik, der Kassen selbst und Mitglieder der Krankenkassen - im gesetzlichen wie auch im privaten Segment. Das Grundbestreben allerdings, sich die eigenen Pfründe zu sichern, widerspricht leider jedwedem Lösungsansatz. Ideen gibt es. Auch erfolgreiche Umsetzungen sind möglich - wie ein Beispiel aus dem Landkreis Itzehoe anschaulich zeigt.
Aber betrachtet man die Wahlversprechen zur nächsten Bundestagswahl, finden sich leider bei keiner Partei konkrete Lösungsansätze oder Bestrebungen, am Bestand des teuren, unsinnigen und patientenfeindlichem System etwas zu ändern.

Jürgen Pagel

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