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Akademisierung in der Physiotherapie - ein Ausweg?


Bei der Frage nach dem Sinn und Unsinn der Akademisierung im Bereich der Physiotherapie recherchierte ich folgenden Artikel: Akademisierung der Sozial- und Gesundheitsberufe - Irrweg oder Ausweg, von Martin Sauer, Susanne Vaudt und Jörg Martens, 2014.

In dem vorliegenden Artikel wird der Frage nachgegangen, ob die Akademisierung in Sozialberufen und Gesundheitsfachberufen einen Königsweg darstellt. 
Die zitierten Inhalte sind mit [...] kenntlich gemacht. Alle sich außerhalb der Markierungen befindenden Anmerkungen entstammen der Feder des Verfassers.



[...] Physio- und Ergotherapie als Studiengänge sind in Deutschland zur Zeit noch so gut wie unbekannt. Umstritten ist in der Fachdiskussion dabei, ob die genannten Berufe bereits eindeutig den Schritt zur „Profession“ geschafft haben oder sich als „Semi-Professionen“ noch auf dem Weg dorthin bzw. zu einer abgemilderten Form von „Professionalität“ befinden.

Für letztgenannten Punkt und damit notwendigerweise für eine Akademisierung sprechen u. E. insbesondere drei Aspekte:

1) das Erfordernis einer wissenschaftlich begründeten Arbeitsweise;

2) die Vergleichbarkeit mit internationalen Entwicklungen im Ausbildungsbereich (u. a. „Bologna-Prozess“),

3) die Entwicklungen am Arbeitsmarkt und die Ausdifferenzierung der Tätigkeiten. [...]


Die Physiotherapie an sich befindet sich m.E. auf dem Weg der Semi-Profession im Sinne einer rückwärtsgerichteten Betrachtungsweise.

Getreu dem Motto „Wasch‘ mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass“ wird nach Ausreden gesucht, um die bisherigen Ausbildungssysteme zu rechtfertigen - in Anbetracht der Unbekanntheit in anderen Ländern eine fatale Entwicklung, die einmal mehr die Physiotherapie vom internationalen Entwicklungs- und Bildungsprozess abhängt. Kritiker wenden an dieser Stelle ein, dass zunächst einmal erwiesen sein muss, das in anderen Ländern die Ausbildung besser ist. Fakt ist, wie eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt https://www.bmbf.de/pub/Berufsbildungsforschung_Band_15.pdf, dass dem Beruf des Physiotherapeuten in allen europäischen Vergleichsländern deutlich mehr Kompetenzen zugesprochen werden, als dies in Deutschland der Fall ist. Deutschland bildet demzufolge das Schlusslicht im europäischen Vergleich. Dieses Mehr an Kompetenz liegt zum Einen an der Möglichkeit des Studienabschlusses, zum Anderen aber auch an umfangreicheren Ausbildungen. Zertifikatsfortbildungen wie in Deutschland (die aktuellen Erhebungen der GKV zufolge mittlerweile 40% aller Abrechnungspositonen ausmachen) sind im europäischen Ausland nicht zu finden. Begriffe wie Direktzugang oder Blankoverordnung stellen keine Bedeutung dar, da in den Vergleichsändern der Physiotherapeut ohne Verordnung (in einigen Ländern dann, wenn keine Kontraindikationen vorliegen) tätig werden darf. Insofern stellt sich die Frage nach einer vermeintlich besseren Ausbildung nicht, weil es nicht allein auf die Qualität der Ausbildung ankommt, sondern auf deren Ergebnis.


[...] Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und Ausdifferenzierung der Tätigkeiten.


Auf Grund der demografischen Entwicklung wird es zukünftig in nahezu allen Feldern der sozialen Arbeit und des Gesundheitswesens schwierig werden, eine ausreichende Zahl qualifizierter Mitarbeitender zu bekommen. In allen Tätigkeitsfeldern wird es daher zunehmend neben den Fachkräften auch Assistenz- und angelernte Kräfte geben, die einen Teil der anfallenden Tätigkeiten übernehmen. Diese auch kostenbedingten Entwicklungen sind sowohl in anderen Ländern als auch in Deutschland seit längerem zu beobachten. Auf die – weniger werdenden – Fachkräfte kommen deshalb zusätzliche Aufgaben zu: Sie müssen anlernen, beraten, supervidieren und kontrollieren. Auch ohne formale Hierarchie werden Fachkräfte zugleich zu Führungskräften, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verantwortung zu übernehmen haben. Angesichts der z. T. sehr schnellen fachlichen Entwicklungen und steigenden Anforderungen ist es dabei nötig, selbstständig immer wieder Neues zu lernen, eigenständig zu recherchieren und neue Entwicklungen kritisch überprüfen zu können – Kompetenzen, die insbesondere in einem wissenschaftlichen Studium erworben werden. [...]


Gerade mit Blick auf die zu erwartende Führungsqualität von Physiotherapeuten erscheint es nahezu mittelalterlich, wenn von der Ärzteschaft Pfründe durch unmoderne und althergebrachte Prinzipien gesichert werden wollen. Die Kritik gegenüber dem lange fälligen Direktzugang und der Vorstufe dazu - der Blankoverordnung - ist zweifelsfrei angebracht, darf jedoch nicht zu einer generellen Ablehnung derselben führen. Zumal - wie zuvor erwähnt - es in anderen europäischen Ländern diese Differenzierung gar nicht gibt. 


Es wird Zeit, dass auch die etablierten Verbände der Ärzteschaft über den Tellerrand hinausschauen und sich konstruktiv an Diskussionen beteiligen, ohneimmer gleich alles in Frage zu stellen.


Fazit: Falscher Weg. Hausaufgaben nicht gemacht! Setzen! Sechs!


[...] Die Vergleichbarkeit mit internationalen Entwicklungen im Ausbildungsbereich


Die Fachschule, das Fachseminar bzw. das Berufskolleg als die Ausbildungsebene, auf der in Deutschland seit vielen Jahrzehnten durchaus erfolgreich Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitswesen ausgebildet werden, sind international weitestgehend unbekannt. In den meisten vergleichbaren Ländern werden Erzieher/-innen, Pflegekräfte und Therapeuten an Hochschulen ausgebildet und erwerben einen akademischen Abschluss. Dabei ist zu bedenken, dass der Bachelor als erster berufsqualifizierender akademischer Abschluss verstanden wird. Das normalerweise dreijährige Studium dauert nicht länger als die „klassischen“ Ausbildungen zur Erzieherin, zum Gesundheits- und Krankenpfleger, zum Altenpfleger, zur Physio- oder Ergotherapeutin oder zur Heilerziehungspflegerin. Es beinhaltet allerdings deutlich weniger Praxiseinsätze. Interessanterweise setzt der Deutsche Qualifikationsrahmen die Ausbildung zur Erzieherin oder zum Heilerziehungspfleger auf dieselbe Niveaustufe 6 wie einen Bachelor-Abschluss. Beide Abschlüsse sind damit „gleichwertig, aber nicht gleichartig“. Angesichts der hohen beruflichen Mobilität zwischen den Ländern ist eine Angleichung der Abschluss-Ebenen sinnvoll und notwendig. [...]


Das Studium zum Physiotherapeuten dauert in der Tat kaum länger. So bietet die SRH Gera einen ausbildungsintegrierenden Studiengang zum Physiotherapeut (BSc) in sieben Semestern an, wovon ein Semester als Praxissemester gewertet wird. Diese Ausbildungsgänge sind mittlerweile auch problemlos berufsbegleitend möglich.

Ob das Festlegen auf den Level 6 des DQR der richtige Weg ist, vermag ich abschließend nicht zu beurteilen, halte dies jedoch mit Blick auf andere europäische Länder für angemessen.

Wichtig erscheint es mir in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass der Bachelor nur die Vorstufe zu einem vollwertigen, universitären Abschluss darstellt. Der Master ist unabdingbar, um eine vollwertige Integration in bestehende Studiensysteme zu erfahren.


Fazit: Die gleichartige Anerkennung der Bildungsabschlüsse ist unabdingbar. Diese Forderung ist eindeutig an die Regierungsparteien gerichtet. Hierbei schnellstmöglich dem Förderalismus eine Absage zu erteilen, muss die prioritäre Aufgabe aller Regierungsparteien sein. Bildung darf nicht Ländersache bleiben, sondern gehört in die Hand eines professionell aufgestellten Bildungsministeriums des Bundes. Dieses unsägliche Gezerre um die gegenseitige Anerkennung von Bildungsabschlüssen ist nicht nur kontraproduktiv im Hinblick auf die konsequente Umsetzung des Bologna-Prozesses, sondern stellt ein Novum in Europa dar.


Hausaufgaben nicht gemacht! Keine Besserung in Sicht! Setzen! Sechs!


[...] Akademisierung – ein „Königsweg“?


Trotz dieser Argumente für eine Akademisierung darf der Trend zur wissenschaftlichen Ausbildung nicht unkritisch gesehen werden. Die Stärke der Ausbildung an Fachschulen liegt in ihrer großen Praxisnähe. Ein/e Erzieher/in, der/die fit ist in Entwicklungspsychologie und Kleinkindpädagogik, aber nicht weiß, wie man mit Kindern singt und spielt, wie sie gesund zu ernähren sind und wie man Streit schlichtet, wird im Beruf schnell an Grenzen stoßen. Der „Königsweg“ liegt u. E. nicht in der reinen Verwissenschaftlichung der Ausbildungen, sondern in der Kombination der Stärken der fachschulischen mit den hochschulischen Ausbildung. Integrierte oder auch additive Ausbildungen bieten sich dafür an und haben

sich auch schon vielfach bewährt. Dafür bedarf es cleverer Modelle, bei denen die gesamte Qualifikation in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen abgeschlossen werden kann, indem die Systeme gut aufeinander abgestimmt sind und eng kooperieren. [...]


Das unbedingte Erfordernis einer wissenschaftlich begründeten Arbeitsweise mit dem Fokus auf Evidenz (v.a. dann, wenn die Kosten für die Allgemeinheit im Vordergrund der Betrachtung stehen) ist dennoch unabdingbar. Ohne Wenn und Aber. Ansonsten wird uns eine Differenzierung gegenüber nichtwissenschaftlichen Berufen nicht gelingen.


Das Ansiedeln auf den DQR 6, Assitenzberufe darunter mit einem Bekenntnis zur Erlangung des Mastergrades bis hin zum Doktoranden DQR 8 sind m.E. wesentliches Merkmal des künftigen Berufes Physiotherapeut.


Gerade mit Blick auf den sich abzeichnenden Engpass im Arbeitsmarkt erscheint mir eine deutliche Abgrenzung zu sich entwickelnden Assistenzberufen wichtiger denn je. Die Politik wird wie immer in einen blinden Aktionismus verfallen und die Basis dafür schaffen, Ungelernte schnellstmöglich in Assistenzberufen zu platzieren, um dem Fachkräftemangel kompensatorisch entgegentreten zu können. Vor diesem drohenden Szenarium, das lediglich die Auswirkungen aber nicht die Ursachen bekämpfen wird, ist es dringlich, seitens der Physiotherapie eine klare Abgrenzung zu gestalten und die Wertigkeit der Tätigkeit des Physiotherapeuten erhöhen. Je schneller die beschriebenen Qualifizierungsprozesse im Sinne einer Akademisierung vorangetrieben werden, umso besser.


Fazit: Es reicht m.E. nicht, in drei Jahren 30% Gehaltssteigerung (z.Zt. in Bayern, in anderen Bundesländer werden die Ergebnisse deutlich geringer ausfallen) zu erzielen. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, kommt nur bedingt in den Geldbeuteln der Angestellten an und findet in drei Jahren mit der Wiedereinführung der GLS-Bindung sehr wahrscheinlich sein jähes Ende. Es ist unzureichend, Schulgeldfreiheit zu fördern, ohne sich im Vorfeld Gedanken über die Existenz der freien, bisher privaten Ausbildungsinstitute zu machen. Denn eines ist in dem Zusammenhang klar: Es muss weniger Schulen geben, denn die Bundesländer werden nicht alle Privatschulen in den staatlichen Dienst übernehmen wollen. Es wird erhebliche Qualitätsanforderungen geben, denen derzeit amtierende Lehrkräfte mangels einer pädagogischen Ausbildung nicht standhalten. Selbst die Schulgeldfreiheit führt nicht automatisch zu mehr Schülern, ohne dass die Gehaltsstrukturen sich deutlich nach oben in Richtung 2700 bis 3000 Euro Brutto-Einstiegsgehalt bewegen - was wiederum von den Erstattungsbeträgen der gesetzlichen Krankenkassen abhängt. Und diese Schüler benötigen  vom Zeitpunkt der Befreiung zunächst mindestens drei Jahre, bis sie im Beruf tatsächlich ankommen. Und nein. Auch die Akademisierung ist keineswegs ein Garant für eine schnelle Lösung der bestehenden Probleme. Es soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein nicht unerheblicher Teil der selbstständigen Kolleginnen und Kollegen ihre Hausaufgaben als Führungskraft auch erst einmal machen mussen. Aber sie ist ein konsequenter Weg, der viele der derzeitigen Einzelforderungen zu einem Selbstverständnis bündelt.

Blankoverordnung, Direktzugang (bei fehlenden Kontraindikationen), wissenschaftliche Ausrichtung, Qualitätssteigerung durch evidenzbasierte Arbeit, Forschungswille und Forschungsbereitschaft, Führungsqualitäten und anderes mehr sind Kernforderungen, die mit einer Akademisierung plausibel einhergehen. Hier kann kein Arzt mehr Kompetenzen absprechen. Tut er dies, sägt er am Ast, auf dem er selber einen festen Platz gefunden hat. Soll das Gesundheitheitssystem leistungsfähig und kostenbewusst werden (denn derzeit ist es das offenbar nicht), ist eine Angleichung an europäische Normen unerlässlich und die Akademisierung kann auf Grund der Komplexität damit einhergehender und selbstverständlicher Normen einen wichtigen Beitrag leisten.


Verfasser

Jürgen Pagel, Praeventfit


Das zitierte Original ist erschienen [...] unter

Martin Sauer, Susanne Vaudt, Jörg Martens

Literatur:

Schütze, F. (1992): Sozialarbeit als bescheidene Profession. In: Dewe, B./Ferch- hoff, W./Radtke, F.O. (Hrsg.): Erziehen als Profession. Opladen 1992, S. 131-171

Dewe, B., Otto, H.-U. (2010): Reflexive Sozialpädagogik. Grundstrukturen eines neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandeln. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch, 3. überarbeitete Auflage, Wiesbaden, 2010, S. 197-218

Silvia Staub-Bernasconi, Soziale Arbeit im Wandel (2008); http://www.avenirso- cial.ch/cm_data/020_StaubBernasconi.pdf


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