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Der türkische Basar ...

Der türkische Basar ...


[...] Einkaufen ist hier nicht einfach der Austausch von Ware gegen Geld. Kein echter Geschäftsmann würde darauf verzichten, den Preis in einer (mehr oder weniger langwierigen) Diskussion auszuhandeln. Das gilt übrigens nicht nur für die Türkei, sondern für viele Länder weltweit. Schachern gehört dazu.

Ich hasse es ehrlich gesagt, aber es hilft nicht, sich zu sträuben: Wenn man etwas kaufen möchte, muss man sich in der Verhandlungskunst üben, um einen guten Preis auszuhandeln – oder damit leben, hoffnungslos über den Tisch gezogen zu werden. [...]




Natürlich geht es hier nicht um Reiseempfehlungen und das Verhalten auf einem Basar.

Vielmehr geht es um junge und alte Kolleginnen und Kollegen aus der Szene der Heilmittelerbringer. Es geht darum, dass leider Kolleginnen und Kollegen keine Ausfallrechnungen erstellen. Es geht darum, dass Nichteinhaltungen von Terminen nicht sanktioniert werden. Es geht darum, dass dem Wunsch des Patienten nach einem günstigeren Preis nachgegeben wird. Und darum, dass Zuzahlungen dem Patienten “geschenkt” werden.


Gibt es nicht, denkt ihr? Doch gibt es. Und jeder hat bestimmt das eine oder andere Beispiel in seiner Prxisnachbarschaft.

Machen wir den Faktencheck.


Fakt 1 Mit Betreten der Praxis und der Übergabe des Rezeptes (bei gesetzlich Versicherten) oder/ und dem Zustandekommen eines Behandlungsvertrages, unterschreibt der Patient die notwendigen Vordrucke der DSGVO, damit seine/ ihre Daten auch verarbeitet werden dürfen.


Fakt 2 Anschließend werden die Termine vereinbart und der Patient wird im Rahmen des Behandlungsvertrages darauf aufmerksam gemacht (in aller Regel existiert ein Aushang, es steht auf dem Terminzettel oder auf dem Honorarvertrag), dass bei einem Terminausfall innerhalb 24, 48 oder wieviele Stunden auch immer abgesagt werden MUSS.


Fakt 3 Dieser vertraglichen Regelung unterliegen übrigens beide Seiten! Auch ein Therapeut kann  nicht einfach 12 Stunden vorher einen Termin absagen oder seine Praxis ohne Information an die Patienten schließen.


Fakt 4 Sagt nun ein Patient den vereinbarten Termin verspätet ab, entstehen dem Leistungserbringer Kosten. Das Personal wird in dieser Zeit bezahlt (alle anderen Regelungen sind arbeitsrechtlich nicht zulässig), Miete für die Räume fällt an, Wasser, Strom und Heizung werden dennoch in Anspruch genommen.


Fakt 5 Aus diesem Grunde hat der Leistungserbringer das Recht, eine Ausfallrechnung zu erstellen. Diese hat mindestens den Wert der Behandlung selbst. Fallen nachweislich weitere Kosten an (z.B. für die Administration), kann er auch diese geltend machen. Ohne Wenn und Aber. Denn diese sind Vertragsbestandteil. Der Patient hat das unterschrieben und damit gilt es (es gilt auch, wenn der Patient nicht unterschreibt und es aushängt).


Fakt 6 Diese Ausfallrechnung sollte auch uneingeschränkt erstellt werden. Warum? Patient ist krank. Kann passieren. Liegt aber nicht in der Verantwortung des Therapeuten. Das Kind des Patienten ist erkrankt. Liegt ebenfalls nicht in der Verantwortung des Therapeuten. Der Patient hat auf der Anfahrt einen Unfall. Auch keine Verantwortung des Leistungserbringers (in diesem Fall ist die Ausfallrechnung sogar Bestandteil des Unfalls und kann geltend gemacht werden). Schlicht: Es gibt nichts, was ein Fernbleiben ohne Ausfallrechnung rechtfertigt. Außer der Tod. Aber soweit wollen wir nicht gehen.


Fakt 7 Die Ausfallrechnung ist ein Teil eines Erziehungsprozesses. Sie zeugt von der Wertigkeit des eigenen Handelns. Sie zeigt dem Patienten: Schau, meine Arbeit ist etwas wert. Und Du Patient missachtest das gerade. Sie zeigt, dass die Arbeit des Therapeuten relevant ist, v.a. für den Patienten. egal, ob krank oder Unfall. Für den Therapeuten ist nichts zu verantworten. Deswegen ist eine Ausfallrechnung eine logische Konsequenz, wenn der Patient fern bleibt.


Fakt 8 Ein Therapeut, der keine Ausfallrechnung erstellt, ist sich nichts wert. Wer keine Ausfallrechnung erstellt, öffnet dem Patienten Tür und Tor für ein Handeln wie auf dem türkischen Basar.


Wir sind aber nicht auf einem türkischen Basar, sondern alle Teil eines Gesundheitssystems, dass sich rühmt eines der besten Weltweit zu sein (ich weiß, dass das nicht stimmt). Hier wird nicht gehandelt, sondern die Konditionen werden vom Leistungserbringer festgelegt. Es darf keine Ausnahmen geben. Schon mal gar nicht mit Aussagen wie: Ich brauche die Patienten, ich will keine Patienten vergraulen o.ä..


Genau mit dieser Konsequenz fängt wirtschaftliches Denken und Handeln an. Ausnahmen bestätigen immer die Regel, weil aus einer Ausnahme schnell eine Regel wird.

Kalkulierte Preise müssen die Grundlage einer Leistung sein.

Wer sich daran nicht hält, schadet nicht nur sich selbst, sondern vor allem den Kolleginnen und Kollegen!


Euer Jürgen 

#praeventfit



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