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Sind Therapeuten am Limit?


Sind Therapeuten am Limit?


Dieser Frage möchte ich mit dem folgenden Artikel auf den Grund gehen.


Das Bild in der Öffentlichkeit 

Für mich als Inhaber eines Gesundheitsunternehmens zeichnet sich in der Öffentlichkeit folgendes Bild:

+ Therapeuten verdienen ausreichend. Mehr als 80% (eigene Erhebungen) der Patienten sind der Meinung, das Therapeuten gut verdienen. Sie bekommen Geld, auch wenn der Patient nicht zur Behandlung erscheint. Sie sind sehr überrascht, wenn sie von den tatsächlichen Durchschnittsverdiensten der Therapeuten erfahren.

+ Die Bevölkerung assoziiert mit den Protesten überwiegend den Bereich der Pflege. Probleme der Therapeuten selber sind nicht im alltäglichen Leben verankert.

+ Therapien sind selbstverständlich. Kommt es zur Terminvergabe und wird festgestellt, dass Wartezeiten von mehreren Wochen vorliegen, wird der Unmut gegenüber den Therapeuten geäußert. Es kommt im seltensten Fall zu einer Assoziation zum Fachkräftemangel.

+ Fachkräftemangel scheint kein Thema zu sein. An nahezu jeder „Ecke“ gibt es „gefühlt“ Praxen für Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie. In Großstädten oder Landkreisen wie Ludwigsburg beispielsweise gibt es im Stadtgebiet vier Reha-Zentren, über den Landkreis verteilt mindestens ein Dutzend. Kein Patient hat es weiter  als 10 Kilometer zum nächstgelegenen Zentrum. Alle Zentren beschäftigen mehr als ein Dutzend Mitarbeiter. So kommt kein Eindruck eines Fachkräftemangels auf.

+ Im Landkreis Ludwigsburg mit ca. 250.000 Einwohnern gibt es ca. 250 Physiotherapieeinrichtungen mit teilweise mehr als zwanzig MitarbeiterInnen. Das sind rechnerisch höchstens 1000 Einwohner pro Praxis (1992 ging man von 4.000 bis 5.000 Einwohnern pro Therapeut aus). Fachkräftemangel sieht in den Augen der Bevölkerung anders aus.

+ Patienten ist in aller Regel nicht bewusst, wieviel Therapeuten in ihre privat finanzierten Ausbildungen investieren müssen. Begriffe wie „Return-to-Invest“ sind nicht geläufig. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die Ausbildung kostenlos ist und eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird. Das Praktikanten in Kliniken keine Vergütung erhalten und sogar für ihr Mittagessen bezahlen müssen (geschweige selbst zu zahlende Parkgebühren oder die Anfahrt mit ÖPNV), überrascht im Gespräch die Mehrzahl der Patienten.


Somit darf das Bild in der Öffentlichkeit als lücken- und fehlerhaft bezeichnet werden.




Die Realität 

Folgende Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang:

+ Ist es für einen Patienten zwingend erforderlich, innerhalb von 14 Tagen (so ist es im Heilmittelkatalog auf Basis der Gültigkeit eines Heilmittelverordnung vorgesehen) einen Termin zu bekommen?

+ Wie hoch ist der Median der Einkommen im Therapiesektor?

+ Welche Umsätze liegen im Bereich der Selbständigkeit von Therapeuten Berechnungen zu Grunde?

+ Können Wartezeiten durch Optimierung der Praxisabläufe erreicht werden?

+ Warum sind Wartezeiten bei Therapeuten von zwei Wochen und mehr angeblich untragbar, während diese bei Fachärzten teilweise vier Wochen und länger betragen?

+ Wie hoch ist das zu erwartende Nettoeinkommen eines Therapeuten - abhängig der jeweiligen Steuerklassen - wirklich in Relation zu seiner Arbeitszeit?

+ Wie viel Einkommen braucht ein Therapeut (Mensch) zum Leben?

+ Was erwarten angehende Therapeuten mit Beginn ihrer Ausbildung und in wie weit unterscheidet sich das Wunschdenken von der Realität des Alltags?


Lassen Sie mich die Fragen, welche wissend beantwortet werden können, herausgreifen.

+ Wartezeit

In aller Regel sind Wartezeiten von 14 Tagen und mehr zwar nicht die Ausnahme, dennoch vertretbar. Wer vier und mehr Wochen auf einen Arzttermin wartet, in dessen Eigentherapieschleife wochenlang verweilt (notgedrungen oder Krankheisbedingt), muss nicht zwingend innerhalb weniger Tage einen Termin bei einem Physiotherapeuten oder einer Logopädin haben. In unserer Gesellschaft ist Ungeduld mittlerweile fest verankert. Hinzu kommt die Selbstbedienungsmentalität, die sich bis heute unter den Patienten breit gemacht hat. Selbstverantwortung und Eigeninitiative kommen dabei zu kurz.


+ Die Einkommen im Therapiesektor liegen jüngsten Erhebungen zu Folge bei einem Median von ca. 26.200 Euro Brutto pro Jahr zwischen einem Berufskraftfahrer und einer Sekretärin - im Berufsvergleich auf Platz 15 von 26. Schlechter schneiden die Friseurin mit 23.202 und die Küchenhilfe mit 21.907 Euro Brutto pro Jahr.

Quelle https://www.gehalt.de/news/top-und-flop-berufe-2018


+ 2017 verdiente ein Praxisinhaber in Bayern maximal einen Stundenlohn von 13,20 Euro und liegt damit unter dem Bruttostundensatz eines angestellten Therapeuten.

Anhand vorliegender Zahlen ist es relativ schwierig, eine Allgemeingültigkeit festzuhalten. Zu gering ist die Teilnehmerzahl und zu hoch sind individuelle Abweichungen. Zweifelsohne ist der Verwaltungsaufwand 2017 gegenüber 2013 noch einmal deutlich um mehrere Stunden pro Woche gestiegen. Auf Grund der geplanten Wegezeiten für Hausbesuche und deren Vergütung lässt sich schließen, dass diese im Bereich der GKV nicht rentabel sind. Die durchschnittliche Behandlungszeit betrug 2017 ca. 24 Minuten (inkl. aller erforderlichen Leistungen). Merke: Es handelt sich dabei nicht um die tatsächlich am Patienten verbrachte Zeit. Diese ist deutlich geringer. Es verbleibt 2017 je Praxisinhaber ein monatlich verfügbares Einkommen von 2.237 Euro. Das ist deutlich weniger als das Nettoeinkommen eines angestellten Physiotherapeuten: Internetvergleichsportale geben dieses im Durchschnitt mit 2.754 Euro an. Quelle https://www.iww.de/pp/perspektiven/verguetung-aktuelles-physioprax-gutachten-angestellte-physios-verdienen-mehr-als-selbststaendige-f112830

Diese Zahl darf zumindest angezweifelt werden. Ich weiß nicht, woher die Autoren von PhysioPraX ihr Zahlenmaterial beziehen, aber Nettoeinkommen von 2.754 Euro bei Physiotherapeuten sind absolut utopisch. Bei dem zu Grunde gelegten amtlichen Median von 2.200 Euro Brutto, liegen wir in Steuerklasse 1, ledig, keine Kinder, gesetzlich versichert bei ca. 1.450 Euro Netto. Selbst diese Zahl wird im Osten der Republik nicht erreicht.


+ Wieviel Einkommen ein Mensch zum Leben braucht, wurde bereits mehrfach beschrieben und errechnet. Für weite Teile Baden-Württembergs kann man anhand von unabhängigen Berechnungen (durch Schüler der DO-Physioschule in Fellbach) von 1.700 Euro Netto ausgehen. Ich persönlich halte diese Zahl für realistisch. Das ist mit einer 40-Stunden-Woche als Physiotherapeut nicht zu schaffen, denn das zu versteuernde Brutto müsste demzufolge bei 2.800 Euro liegen und das wird nur in Ausnahmefällen erfahrenen und fortbildungsintensiven Therapeuten gezahlt.


+ Die Erwartungshaltungen angehender Physiotherapeuten beispielsweise reichen von gar keine bis zur Selbstständigkeit. Umfragen unter Schülern zeigen leider immer wieder, dass trotz umfassender Informationsmöglichkeiten im Internet, diese nicht oder nur unzureichend genutzt werden. Das ist schade. Oder auch nicht. Denn wenn sich mehr für diese Berufe im Vorfeld interessieren würden, hätten die Privatschulen sehr wahrscheinlich noch weniger Schüler. Im Berufskundeunterricht fällt den meisten die - verzeihen sie den Ausdruck, aber ich halte das für durchaus treffend - Kinnlade herunter und man hört von mindestens 50% der Kursanten ein „Ohhh, wenn ich das gewusst hätte“.


Die Fakten

Von den Angehörigen der Heilmittelberufe werden zur Zeit vornehmlich gefordert:

+ Mehr Geld, mehr Einkommen, mehr Gehalt

Um die Versäumnisse der vergangenen dreißig Jahre auszugleichen, sind noch einmal mindestens 60% in den kommenden drei Jahren erforderlich. Das entspräche einem Finanzierungsvolumen von ca. 1,5 Mrd. Euro. Zuzüglich dem bereits geplanten Sofortprogramm (welches sehr wahrscheinlich gem. Verlautbarungen der Regierungskoalition nicht kommen wird) in Höhe von 1,8 Mrd. Euro wären das zusammen immerhin 3,3 Mrd. Euro. Utopisch würde ich sagen, sehr utopisch. Eher fällt der Mond auf die Erde.

Das wäre noch nicht alles, denn es geht um bessere Ausstattungen, um mehr Behandlungszeit, um Schulgeldfreiheit und so weiter, also ein Finanzierungsvolumen von mindestens 5 Mrd. Euro p.a.


+ Schulgeldfreiheit, bereits im vorgenannten Abschnitt angedeutet.

+ Ausbildungsvergütung 

Beides macht Sinn und ist in anderen Berufen schon lange Usus. Es ist beschämend für ein Land wie Deutschland, dass sich rühmt, eines der besten Sozialsysteme der Welt zu haben, dass Auszubildende ihre Ausbildung gerade in SOZIALEN Berufen selber finanzieren müssen und während der Praktika noch als billige Arbeitskräfte herhalten müssen. Nahezu alle Kliniken kalkulieren die Schüler als feste Größe ein und sparen somit nicht unerhebliche Personalkosten (zwei bis drei Schüler ersetzen eine Vollzeitstelle).


+ Wegfall der Zertifikatsleistungen

Bereits heute bestehen 44% der Verordnungen aus sogenannten Zertifikatsleistungen, welches bedeutet, dass ein Schulabgänger in der Praxis nur bedingt einsetzbar ist. Diese gängige Praxis wurde von den anbietenden Verbänden jahrelang unterstützt und der Wille, diese Leistungen abzuschaffen und in die Ausbildung zu integrieren wird zwar nach Außen getragen, aber Bestrebungen dahingehend sind bisher zumindest keine zu verzeichnen.


+ Direktzugang

Dem wurde auf dem Deutschen Ärztetag 2017 zwar eine deutliche Absage erteilt, aber noch immer fordern einzelne Verbände diese Art des Zugangs des Patienten zum Therapeuten, ohne zuvor einen Arzt konsultieren zu müssen. 

Neben einer umfassenden Weiterqualifikation haben die dazu bisher durchgeführten Feldversuche gezeigt, dass Patienten unter dem Direktzugang nicht schlechter behandelt werden. Aber auch nicht deutlich besser.


+ Blankoverordnung

Meines Erachtens die wesentlich bessere und v.a. sofort umsetzbare Praxis wäre eine Blankoverordnung. Das würde auch die Mehrzahl der Ärzte zweifelsfrei mittragen - allerdings nur dann, wenn die Budgetierung, die im Bereich der Heilmittel bisher beim Arzt ruht, auf die Therapeuten übertragen werden würde. Das gilt es zu prüfen. Im Idealfall kommt dann auch gleich die ...


+ Einheitliche Verordnung beispielsweise „Physiotherapie“ dabei heraus. Ebenso wie ...


+ Ein einheitlicher Minutensatz von beispielsweise 1,50 pro Minute mit freier Behandlungszeit auf Basis der Blankoverordnung unter ...


+ Wegfall des Heilmittelkataloges


+ Und zu guter Letzt kann man dann noch über eine einheitliche Akademisierung unter „Mitnahme“ der bisherigen Therapeuten denken. Aber wir sollten nicht glauben, dass die Akademisierung die Lösung allen Übels wäre.



Beantwortung der Eingangsfrage

Sind Therapeuten am Limit? „Nüchtern“ betrachtet Nein. Es gibt viele Optimierungsmöglichkeiten innerhalb der Praxen. Von der Umstellung auf eine praktikable Software in Verbindung mit funktionstüchtiger Hardware. Optimierung der Behandlungsabläufen durch Online-Erstgespräch bis zur vollständigen Onlinebetreuung per Skype oder Chatrooms. Von festen Vorgesprächszeiten bis zu Gruppenangeboten. Von Anreizen im Angestelltenverhältnis mittels Provisionsmodellen bis zu attraktiven Teilzeitangeboten. Vom konsequenten Einzug der Ausfallgebühr bis zu der Tatsache, dass drei Patienten pro Stunde keine Fließbandarbeit in der Physiotherapie, sondern etwas sind, was in jedem Beruf geleistet werden muss. Um nur einige wenige Möglichkeiten zu nennen. Das bedingt aber Bewegung, die über darüber hinausgeht, andere machen zu lassen oder sich an Demonstrationen zu beteiligen. Jeder Einzelne ist gefordert, seinen Teil dazu beizutragen. Das bedingt betriebswirtschaftliches Denken und das Nutzen von Weiterbildungsangeboten, die sich mit dieser Materie befassen. Das bedeutet, seine Blase zu verlassen und einmal zu schauen, wie es andere machen, die mit ihren Projekten erfolgreich sind. Das bedeutet auch mal Einzelverträge mit den Krankenkassen vereinbaren, wenn deren Ergebnis deutlich über dem bisher Erreichten liegt.


Zweifelsfrei sollten alle vorgenannten Forderungen erfüllt werden. Sie sind der Garant für ein Fortbestehen der Berufe der Heilmittelerbringer in der Breite. Und das wiederum ist eine Uraufgabe der Politik, der sie bisher nur unzureichend bis gar nicht nachgekommen ist.


Sind Patienten am Limit?

Auch hier meine ich Nein. Eigenverantwortung und Selbstständigkeit sind leider in unserer Konsumgesellschaft, die - weil es jahrelang von der Allgemeinheit bezahlt wurde - es nicht anders kennt, als sich zu bedienen; machen zu lassen, statt selber zu tun. Solange diese Eigenverantwortung nicht in‘s Bewusstsein der Menschen gelangt, sind sie nicht am Ende, sondern erst am Anfang. Selbstverständlich gibt es Notwendigkeiten, Patienten sofort zu behandeln. Nach Schlaganfall, nach Amputation, bei Kindern in Not, bei Sportverletzungen und anderem Dringlichem mehr. Aber der Bandscheibenvorfall kann warten.


Solange Therapeuten die „großen“ Zusammenhänge nicht verstehen (wollen), wird sich nichts ändern. Das viel diskutierte Sofortprogramm wird scheitern. Öffentliche Pressetermine dienen der Befriedung unterschiedlicher Interessenlagen. Ändern kann nur der Einzelne. Jeder Einzelne kann das Beste aus seiner Situation herausholen. Schafft er es nicht, war der Standort falsch, das Investitionskapital zu gering, die Finanzierung auf wackeligen Beinen oder er hat sich „übernommen“, war die Marktanalyse falsch oder die Konkurrenz zu groß - bei fehlendem Alleinstellungsmerkmal. Nüchtern betrachtet. Ohne Emotion, ohne wenn und aber.


Beste Grüße 

Euer Jürgen 


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