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Was ist passiert?


Was ist passiert? Ein Unfall? Nein. Denn Unfälle „passieren“ nicht - sie werden verursacht. Was also ist da los?


Sind die Heilmittelerbringer jetzt gerettet?

In meinem letzten Beitrag hatte ich einige Thesen aufgestellt. Sind Therapeuten wirklich am Limit? Nein, sind sie nicht. Solange sie ihre Hausaufgaben nicht machen. Kann und darf man von Fachkräftemangel sprechen? Nein, solange auf weniger als eintausend Einwohnern in einem Landkreis ein Therapeut kommt (1992 galt die Zahl 4000-5000 Tsd. Einwohner pro Therapeut - und niemand hat lange Wartezeiten gehabt). Ist die Ausbildung zu teuer? Sie war noch nie günstig und niemand wird gezwungen, eine solche zu absolvieren. Jeder, der sich darauf einlässt, weiß das vorher. Und jedem, der sich darauf einlässt muss klar sein, dass er Jahrzehnte braucht, um das Invest wieder zurückzubekommen. Und jeder, der die Grundrechenarten beherrscht weiß auch, dass selbst in der Selbstständigkeit nicht der Schlüssel liegen muss. Verhindert eine umfassende Therapie eine Pflege? Man weiß es nicht. Liest man aufmerksam Studien zum Verlauf der Krankheitsbilder und der damit verbundenen Interventionen könnte man meinen, das es nicht so ist.


Ergebnisse?

Nun war es soweit. Herrn Spahn trifft die Verbände und die Basis der Heilmittelerbringer. Vorher gab es noch eine Debatte im Haushaltsausschuss, bei der über das Sofortprogramm von Dr. Roy Kühne verhandelt wurde. Bis heute übrigens davon keine Wort mehr. Irgendwie tot das Thema. Egal. Spahn trifft die HME.

Ich war sehr überrascht. Überrascht nicht wegen des Treffens, sondern überrascht deswegen, weil offensichtlich einige glauben, dass Kreide und Karten verteilen der Weisheit letzter Schluss ist und sich darüber ein paar Tausend HME super freuen. Es sei ihnen gegönnt. Aber was ist wirklich passiert? 

Nichts! Gar nichts. Keines der geforderten Ziele wurde oder ist erreicht. Noch nicht einmal in die Nähe dieser Ziele ist man gekommen. Man hat MITEINANDER gesprochen und das ist gut so (übrigens ist Herr Spahn offenbar sehr gut informiert und kennt die Situation der HME mindestens seit 2015).




Warum auch? 

So richtig belegbar ist eigentlich nichts. Niemand weiß genau, ob Therapeuten tatsächlich die Pflege verhindern oder wenigstens deutlich - für den Staat gewinnbringend - verkürzen. Niemand weiß ganz genau, ob wir wirklich einen Fachkräftemangel haben oder einfach nur der Trend der Jugendlichen derzeit in eine andere Richtung geht. Niemand weiß genau, ob das fehlende Schulgeld, die fehlende Ausbildungsvergütung oder die schlechte Bezahlung der Grund für ein Nachlassen der Ausbildungsfreude (die noch nie wirklich hoch war) verantwortlich sind. Denn all diese Faktoren sind schon immer so gewesen und es gab auch schon immer schwankende Schülerzahlen. Mit dem G8 alleine lässt sich das nicht begründen, denn die Auswertung von Fallzahlen aus dem ganzen Bundesgebiet (die mir vorliegt), deutet zwar darauf hin, dennoch ist die Verteilung nicht schlüssig. All das und mehr gilt es zu erfragen.

Und das tut die Bundesregierung auch, bis sie ein Maßnahmenpaket schnürt, das mehrere Milliarden schwer ist - wo doch die Tendenz besteht, dieses Geld lieber in den Ausbau (oder Abriss) des BER oder in Stuttgart 21 zu stecken. Von der Elbphilharmonie oder anderen Prestigeprojekten ganz zu schweigen. Wo doch dringend Geld im Verteidigungshaushalt benötigt wird oder ein Einsatz in Syrien (im Falle des Einsatzes von Chemiewaffen) bevorsteht. Und den Kampf gegen Stickoxide, CO2 u.a. Umweltfrevel sollten wir auch nicht aus dem Auge verlieren. Marode Schulen warten auf ihre Sanierung, Instandsetzung von öffentlichen, durch den Steuerzahler finanzierten Bädern und vieles mehr warten auf Geld, viel Geld. Und da kommen ein paar Kreidemaler (ein paar Tausend von mehr als 300.000) und drehen die Welt.


Nein. So funktioniert das nicht. Kurz habe ich gedacht, mein Weltbild steht Kopf. Aber nein. Alles gut.

Konkreter wird es Ende September beim Therapiegipfel werden. Bis dahin will Herr Spahn Zahlen und Vorschläge präsentieren. Und ich denke, es wird eine große Ernüchterung geben. Auf Grund gesetzgebender Verfahren ist mit ersten Maßnahmen nicht vor Juni 2019 zu rechnen. Es werden also noch einmal acht Monate vergehen, bis etwas auf den Weg gebracht werden wird. Ja, besser spät als nie. Keine Frage. Aber es wird nichts sein, das viel Geld kostet. Da auch Herr Scholz mit viel Enthusiasmus an der „schwarzen“ Null festhält, werden keine Milliarden fließen.


Ein bisschen Blankoverordnung (dafür mehr Verantwortung), dass aber nur mit sektoralem HP (denn der lässt sich auf Grund der bestehenden Urteile des BGH nicht mehr wegdiskutieren). Reduzierung des Schulgeldes (aber nicht bundeseinheitlich, denn dafür gibt es derzeit keine gesetzliche Grundlage) in dem einen oder anderen Bundesland. Erhöhung der Abrechnungssätze durch die Krankenkassen? Wohl kaum, denn die sitzen auf 24 Mrd. und sehen keine Veranlassung, davon etwas abzugeben. Somit lässt es sich dem Steuerzahler auch nicht verkaufen, öffentliche Gelder in eine Berufsgruppe fließen zu lassen. Das weckt nämlich massive Begehrlichkeiten bei Friseuren, Schreinern, Dachdeckern, Bauarbeitern und anderen Berufen, die ebenfalls am unteren Ende der Gehaltsskala rangieren. Das wird sich in unserer derzeitigen Regierung niemand antun wollen. Der Vollakademisierung wurde bereits eine Absage erteilt und mit einer teilweisen Akademisierung hinkt Deutschland selbst Ghana hinterher (der Ausbildungsstandard dort in unfassbar schlecht - aber der Abschluss des Physiotherapeuten ist dort ein BSc nach acht Semestern).


Es herrscht das Prinzip Hoffnung. Damit lässt sich jedoch meines Erachtens kein Blumentopf gewinnen. Denn Hoffnung haben die HME schon seit mehr als dreißig Jahren. So werden sie auch weiter hoffen dürfen - mit oder ohne Kreide, mit oder ohne rote Karten. Das kann man in Berlin prima aussitzen, denn darin sind sie gut.


Ich freue mich ehrlich, wenn alles anders kommt. Aber Empire ist unschlagbar. Und die Empire zeigt, dass alles nur annähernd funktioniert, wenn die Koalition hält und die Regierung in der jetzigen Konstellation 2021 überdauert. Da stehen die Zeichen aber momentan schlecht. Und wenn kein Flutwasser auf der Elbe oder ein Vulkanausbruch in der Eifel dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung macht.




Fazit

Man kann abwarten und hoffen. Man muss für seine Ideale kämpfen und dafür einstehen. Man kann auch (nebenbei) sein ureigenstes Schicksal im Rahmen seiner Möglichkeiten selber in die Hand nehmen.

Mehr Ausrichtung auf den Fitnesstrend. Verkleinerung der „Hands-On-Fläche“ auf ein gesetzliches Minimum und mehr Invest in „Hands-Off“. Konsequentes Stellen von Ausfallrechnungen, Verzicht auf die Berechnung des Beihilfesatzes, modernes Management, jährliches Abfragen der Kennwerte Standort, Konkurrenz, Finanzen und Markt. Kein Invest von privatem Vermögen bis zur Selbstaufgabe, Umsichtigkeit bei der Wahl des Klientels, konsequentes Einsetzen soft- und hardwaregestützter Lösungen bis hin zur Online-Betreuung per Skype, FaceTime oder Ähnlichem. Einsatz von Preismodellen, wie sie in allen anderen Branchen üblich sind, konsequentes positives Marketing - weg vom Begriff der Krankheit und hin zu Lebensqualität, verbunden mit Gesundheit (die AOK Gesundheitskasse macht es uns vor). Aufhören zu jammern, dass all das in einem 6000-Seelen-Dorf nicht geht (siehe Standort und Markt). Viele Ideen warten auf die Umsetzung. Und wenn all das nicht funktioniert, ist bisweilen die Erkenntnis hilfreich, dass man sich für den falschen Beruf entschieden hat und es ist niemals zu spät, sich umzuorientieren oder sich nebenbei ein zweites Standbein aufzubauen.


Herzlichst Euer Jürgen 

#praeventfit #sogehtdas


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