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Fakten zur Physiotherapie - Lage und Lösungen



Ich mal wieder ...


Inspiriert durch verschiedene Fachvorträge zum Thema „Kommunikation“ lasse ich mich mal über die Fakten in der Physiotherapie aus - dabei bewusst die Probleme der Vergangenheit außer Acht lassend, denn entscheidend ist die Faktenlage und sind die Lösungen!


Fakt 1:

Haben wir einen Fachkräftemangel? Ist eine Arbeitslosenquote von 0,9% ein ernstzunehmendes Anzeichen für einen Fachkräftemangel oder was gibt es sonst für Gründe, von einem Mangel zu sprechen?


SchülerInnen und Absolventen der Physiotherapie in Deutschland

2001 waren das 20.812, 2005 insgesamt 25.799 und 2017 sind es 21.812. Ein Rückgang gegenüber 2005 - 2013, jedoch ein Anstieg gegenüber 2001.

Beschäftigte Physiotherapeuten in Deutschland (Angestellte und Selbstständige)

2012 waren das 170.000, 2016 waren es 192.000.

Zugelassene Praxen im Bereich der Physiotherapie

2005 waren das 28.950, 2018 (bis 2. Quartal) sind es 38.779.

Bevölkerungsentwicklung 

2001 gab es 82,3 Mio., 2017 sind es 82,5 Mio. - also keine signifikante Veränderung.

Grund für die dennoch hohen Vakanzzeiten von bis zu 157 Tagen in den meisten Bundesländern scheint vielmehr die Abwanderung in Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen zu sein, als ein Mangel an Schülern. So arbeiteten 2001 ca. 16.200 Physiotherapeuten in Kliniken, 2016 sind es schon fast 19.000. Gleiches findet sich bei den Reha-Einrichtungen. Hier arbeiteten 2001 gerade einmal 8.900 KollegenInnen, 2016 waren es schon mehr als 11.000.

In allen untersuchten Bereichen zeigt sich eine Zunahme der Beschäftigten unabhängig der Zu- oder Abnahme der Schülerzahlen.

Inwieweit ein frühes Ausscheiden aus dem Beruf oder Aussteiger der Erziehung wegen eine Rolle spielt, kann anhand der vorliegenden Zahlen nicht gesagt werden, sollte aber bei künftigen Untersuchungen eine Rolle spielen.


Ergebnis: Mangel ja, aber wesentlich wichtiger scheint mir zu sein, die Abwanderung zu stoppen. Ursachen für eine Abwanderung dürften die bessere Entlohnung und geregeltere Arbeitszeiten sein. Auch die Bereitschaft der Kliniken mit Teilzeitkräften zu arbeiten, scheint ein wichtiges Argument bei der Job-Wahl zu sein. So arbeiteten 2001 ca. 5.300 MitarbeiterInnen Teilzeit, 2016 waren es schon 9.500 - also fast ein Verdoppelung.


Lösung:

Abwanderung stoppen durch attraktivere Bezahlung in der freien Praxis. Des Weiteren sollten Kliniken keine Ambulatorien bilden dürfen. Das gehört nicht zu den Kernaufgaben einer Klinik und stellt eine ernstzunehmende Konkurrenz zu freien Praxen dar, da Räumlichkeiten in den Kliniken in aller Regel vorhanden sind - also keinen Extraposten darstellen - und oftmals eine Quersubvention möglich ist.

Dem „Ausbluten“ ländlicher Regionen zu begegnen, wird kaum gelingen. Es gibt einfach keinen Grund, warum ein Therapeut in einer Region arbeiten sollte, in dem er weder ausreichend Patienten verzeichnet, noch ein attraktives privates Umfeld findet.


Fakt 2

Sind die Einkommen in Relation zu anderen Dienstleistungsberufen zu niedrig?


Lag das durchschnittlich verfügbare Einkommen für Arbeitnehmer, ledig ohne Kinder (SK I/0) 2001 noch bei 16.302 Euro, so lag es 2016 bereits bei 21.636 Euro (allerdings nicht inflationsbereinigt).

Der durchschnittliche Brutto-Stundenverdienst lag 2014 in der Altersgruppe 40-49 Jahre bei ca. 19 Euro. Physiotherapeuten liegen heute bei Brutto-Stundenlöhnen um die 15 Euro. So lag der Verdienst ohne beruflichem Abschluss bei 11,82 Euro, mit (Fach-)Hochschule-/ Universitätsabschluss bei 27,08 Euro. Physiotherapeuten mit einer Qualifikation unterhalb des Hochschulabschlusses sind also mit durchschnittlich 15 Euro relativ schlecht bezahlt.

Berücksichtigt man nun noch, dass die Reallöhne um mehr als 50% gesunken sind, stellt sich die Einkommenssituation in der Physiotherapie im Besonderen tatsächlich dramatisch dar. Begründet liegt das zum Einen in der Tatsache, dass Frauen immer noch deutlich schlechter bezahlt werden als Männer (ca. 70% der Therapeuten sind Frauen) und zum Anderen darin, dass der Anteil an Teilzeitkräften gerade unter den Frauen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.


Löhne und Gehälter in Deutschland werden voraussichtlich auch in den kommenden Jahren weiter steigen. Die schlechte Nachricht für Geringverdiener und Menschen in sozialen Berufen: Sie profitieren beim Netto-Einkommen deutlich weniger davon als zum Beispiel Beschäftigte in der produzierenden Industrie. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und der Prognos AG über die Lohnentwicklung bis zum Jahr 2020 hervor.

Nach einer Simulationsberechnung steigt das verfügbare Einkommen pro Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen von 2012 bis 2020 um 1050 Euro pro Jahr. Wer in der chemischen oder pharmazeutischen Industrie arbeitet, darf sich - inflationsbereinigt - wahrscheinlich über 6200 Euro mehr freuen.

Als Grund für die Lohnzuwächse nennt die Bertelsmann-Stiftung den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel. Allerdings wirke sich dies nur in den Branchen mit Produktivitätszuwächsen aus. Gerade Alleinerziehende, die oft im Einzelhandel, Gesundheits- und Sozialwesen angestellt seien, würden nur unterdurchschnittlich von steigenden Löhnen profitieren.

Die Stiftung beklagt, dass sich der Trend zur größeren Lohnungleichheit in Deutschland fortsetze. "Diese Entwicklung ist bedenklich, denn wachsende Ungleichheit beeinträchtigt die Zukunftschancen sowohl der Menschen als auch unserer Wirtschaft und Gesellschaft als ganzes", sagte Aart De Geus, Vorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Im Schnitt steigt laut Studie das verfügbare Jahreseinkommen eines Beschäftigten im Vergleich der Jahre 2012 und 2020 um 2200 Euro. Nach Berechnungen der Wirtschaftswissenschaftler erhöht sich das Einkommen der Beschäftigten, deren Verdienst im oberen Fünftel (54.700 Euro im Jahr) liegt, im Schnitt um 5300 Euro. Die unteren 20 Prozent (7200 Euro) können nur mit einem Plus von 750 Euro rechnen.


Lösung:

Neben der seit 2017 mit einer Laufzeit von 3 Jahren vereinbarten Erhöhung von ca. 30% sind weitere (mindestens) 30% Erhöhungen mit einer Laufzeit von höchstens 2 Jahren erforderlich, um einen Anreiz zu schaffen, der die Attraktivität des Berufsbildes erhöht bzw. erhält.


Fakt 3

Eine Vereinheitlichung der Ausbildung scheint in Deutschland nicht gegeben. So sind die Kenntnisstände in den unterschiedlichen Ausbildungsstätten sowie die Ausbildungsinhalte je nach Schule unterschiedlich gefasst und auch die Prüfungen nicht nach einem bundesweit einheitlichem Standard geregelt.

Es gibt im Rahmen des Bologna-Prozesses keine übereinstimmende, durchgängige Akademisierung.


Ist eine Vollakademisierung notwendig? Bürgt diese für einen hohen Qualitätsstandard?


Lösung:

Eine Vollakademisierung erlaubt in einem zweistufigen System von Studienabschlüssen eine internationale Vergleichbarkeit, die Einführung eines bundeseinheitlichen Leistungspunktesystems, des ECTS, eine Eingliederung der sogenannten Zertifikatspositionen, die bisher durch Zusatzqualifikation in einem nichtgraduierten System aufwendig und teuer erkauft werden müssen.

Ziel muss es sein, Mobilitätshemmnisse zwischen Universitäten und Hochschulen sowie interkulturell abzubauen.

Das gelingt durch

  • die Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätsentwicklung,
  • die Förderung der europäischen Dimension in der Hochschulausbildung,
  • das lebenslange bzw. lebensbegleitende Lernen,
  • die studentische Beteiligung (Mitwirken an allen Entscheidungen und Initiativen auf allen Ebenen),
  • die Förderung der Attraktivität des europäischen Hochschulraumes,
  • die Verzahnung des europäischen Hochschulraumes mit dem europäischen Forschungsraum, insbesondere durch die Eingliederung der Promotionsphase in den Bologna-Prozess.

Wenn also ein Qualitätsstandard erzeugt werden soll, der internationalen Vergleichen stand hält, ist eine Vollakademisierung des physiotherapeutischen Berufes unabdingbar.

Einher geht damit die Abschaffung dutzender verschiedenster Abrechnungspositionen, die Abschaffung der bisherigen Verordnungspraxis und die Einführung des Direct Access.

Als Übergangsregelung sind für BestandskollegenInnen entsprechende Regelungen zu schaffen, die einen nahtlosen Übergang in das neue Ausbildungssystem ermöglichen - ohne eine allzu hohe finanzielle Belastung, denn BestandskollegenInnen haben bereits ein hohes Maß an finanziellem Invest erbracht, das es zu berücksichtigen gilt.


Gleichzeitig hat sich damit auch die Diskussion über die Schulgeldfreiheit erledigt, da Studienprozesse der staatlichen Förderung unterliegen (Bafög, Studienkredite etc.). Zu erwarten wäre dann auch Entlohnungssystem, dass mit anderen akademischen Berufen vergleichbar ist (siehe oben).


Fazit

Die bisher eingeleiteten Maßnahmen - so wenige es sind - entspringen einem emotional gesteuerten Aktionismus. Sie bieten keine langfristige Perspektive, orientieren sich wenig bis gar nicht an der Faktenlage und stellen in der Gesamtheit ihrer Forderungen ein Stückwerk einzelner Maßnahmen dar, aus dem kein großes Ganzes „gegossen“ werden kann. Es wird Stückwerk bleiben und letztendlich nicht zu dem gewünschten Erfolg führen.

Es wir höchste Zeit, die Grabenkämpfe zu beenden und geschlossen für Forderungen einzustehen, an dem alle Beteiligten nicht nur mit Herzblut, sondern mit Verstand und Weitsicht zu arbeiten haben.


Quellen

Physio Deutschland 08/2018

Wikipedia Der Bologna Prozess

DeStatista - Zahlen und Fakten zu Einkommensverhältnissen in Deutschland

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