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Von Schwurbelmedizin und anderen Weisheiten

Um was geht es?

Am 27.12. postete ich auf Facebook folgende Aussage:

[...] 38 Minuten, die sich lohnen. Lohnend für Patienten. Lohnend für solche, die viel Geld für eine Fortbildung (die Bezeichnung „Weiterbildung“ dürfte deplatziert sein) ausgeben wollen und für solche, die immer noch argumentieren, dass die Methoden nach LuB Hand sowie Fuß haben.


Im Besonderen WIR Physiotherapeuten wollen uns einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen. Dann sollten wir aufhören, Pseudo-wissenschaftlichen-Schwurbel-Theorien zu folgen, sondern uns ernst- und gewissenhaft mit der Wissenschaft auseinanderzusetzen. Wir empfehlen nicht LuB und keine Globuli. Denn unsere Patienten geben uns einen enormen Vertrauensvorschuss, mit dem wir nicht leichtfertig umzugehen haben.


Leider hat der Autor des Youtube-Videos keine Quellenangaben genannt.

Die Originalartikel und die dazu gehörenden Literaturhinweise finden sich unter Tobias Saueressighttps://evidenzbasiertephysiotherapie.de/liebscher-und-bracht-acht-thesen-acht-antworten/


https://m.youtube.com/watch?v=uH4eNuzqIws&t=1030s [...]


Die Links sind aktiv - das kann sich also jeder anschauen.


Vordergründig geht es dabei um LuB, oder anders ausgedrückt um Liebscher & Bracht. Ich lasse mich jetzt darüber nicht weiter aus. Meine Meinung zu dem Thema ist bekannt und Tobias Saueressig hat dazu einige sehr gute Artikel verfasst, die zu lesen wirklich lohnt.


Hintergründig geht es dabei aber um etwas anderes. Es geht darum, wie sich Menschen darstellen, wie sie argumentativ vorgehen und wie ihnen andere auf den Leim gehen, ja regelrecht auf den Leim. Und das macht mich immer ganz kirre.


Im Besonderen Physiotherapeuten (das mag auf Ergotherapeuten und Logopäden auch zutreffen, aber das kann und will ich nicht beurteilen) haben seit einigen Jahren ein Idenfikationsproblem. Sie suchen offensichtlich nach einer Daseinsberechtigung und dem einen oder anderen kommen berechtigte Zweifel. Zu viele Studien der vergangenen Jahre belegen die mangelnde Wirksamkeit von Therapien, die seit Jahrzehnten angewandt, sich als Humbug herausgestellt haben.

Der immer wieder zu hörende Satz „Wer heilt hat recht“ wirft allerdings mehr Fragen auf, als er beantwortet, denn der menschliche Geist ist sehr schnell dabei, Zusammenhänge herzustellen und anzunehmen. In unserem Falle ist das auch so: Man stellt eine Wenn-Dann-Beziehung her. Man ist mental ja auch konditioniert darauf, eine Wirkung der extra wegen der Beschwerden wahrgenommenen "Behandlung" zu erwarten. Aber es ist eine klassische Form des Fehlschlusses, wenn dies geschieht: Bekannt unter der Bezeichnung "post hoc ergo propter hoc"-Fehlschluss. Das bedeutet in etwa "danach geschehen, also deswegen geschehen".


Wenn sich nun Physiotherapeuten der Wissenschaft zuwenden, weil einzig umfangreiche Studien - zusätzlich zu den bereits existierenden Untersuchungen - die Wirksamkeit bestimmter Behandlungsmethoden belegen und den Zufall das sein lassen, was er ist - nämlich eine 50:50 Chance), dann sollten sie das mit aller Kraft tun und endlich Altlasten über Bord werfen, die dem frühen Mittelalter entstammen.


Patienten Angst einzujagen und sie abhängig zu machen, ihnen Furcht einzuflößen und vor dem Schlimmsten zu warnen, beeinflusst vor allem die Region unseres Körpers, in der Schmerz überhaupt entsteht - das Gehirn. Was zunächst harmlos klingt, kommt einer Gehirnwäsche gleich. Wer an seinen Schmerz glaubt, wer ihn genau in der Situation erwartet, wird ihn auch genau in der Situation empfinden. Was beim Tierversuch mit Pawlow funktioniert hat, klappt übrigens auch bei LuB ganz prima.

Sich diesen Erkenntnissen zu stellen, das biopsychosoziale Modell konsequent anzuwenden, eine umfangreiche Anamnese zu erstellen und nicht „mal eben schnell“ mit zwei Übungen ein Weltbild zurechtrücken wollen oder nach genau sechs (keine mehr oder weniger) Behandlungen eine Heilung herbeizuführen, führt uns zur Physiotherapie 2.0 (mittlerweile scheint mir, dass 3.0 dringend notwendig wäre).


Selbstverständlich sind solche Erkenntnisse nicht frei von Empire.

Evidenz + Empire = Können. Empire bedeutet jedoch nicht, leere Versprechungen zu machen oder immer wieder zu beteuern, das wer heilt auch recht hat. Als empirische Wissenschaften oder Erfahrungswissenschaften gelten Disziplinen, in denen die Objekte und Sachverhalte, Verhaltensmuster von Menschen durch Experimente, Beobachtung oder Befragung untersucht werden. LuB hat nichts untersucht. Keine seiner angeblichen Studien sind jemals irgendwo veröffentlicht worden, nichts ist belegt - weder durch Empire noch durch Evidenz. DAS ist Schwurbelmedizin.

Wenn ein Placebo zum Heilmittel wird, bekommt der Patient eine „Krücke“ an die Hand, die ihn glauben lässt, dass sein Körper ohne dieses Hilfsmittel zu schwach ist, zu funktionieren (siehe Pawlow). Wir helfen den Menschen nicht, sondern wir machen sie abhängig von uns.






Ich weiß, dass viele Patienten genau das wollen. Ich weiß auch, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. Ich weiß aber auch, dass dies nicht die Zukunft der Physiotherapie sein kann.

Die Weisheit besteht letztendlich darin anzuerkennen, dass sich die Zeiten wandeln und das es Besseres gibt, als Globuli und LuB. Besser, weil nachhaltiger, besser weil ehrlicher und besser weil wirksam.


#Praeventfit

Jürgen Pagel



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