Was ist Physiotherapie 4.0?

Was ist Physiotherapie 4.0?

Physiotherapie 4.0 bedeutet für mich, notwendige Veränderungen in vielerlei Hinsicht vorzunehmen, zu akzeptieren, individuell umzusetzen und dem Ansprüchen an eine moderne Therapie gerecht zu werden.
Die Notwendigkeit, sich mit der Thematik Physiotherapie 4.0 auseinander zu setzen, ergibt sich aus einer Vielzahl von Verhaltensweisen, die der therapeutischen Szene bis heute eigen sind. 4.0 heißt nicht der Verzicht auf Empathie, sondern heißt Offenheit gegenüber evidenzbasierten Praktiken zu zeigen, moderne Medien einzusetzen - letztendlich zum Wohle des Patienten/ Kunden, verbunden mit der Zielsetzung, Patienten/ Kunden nicht mit Therapien an sich zu binden, sondern diesen so schnell als möglich unter Nutzung aller mir zur Verfügung stehenden, evidenzbasierter Methodiken wieder in eine hohe Alltagsfunktionalität zu entlassen.
  1. Kundenorientierung.
    1. Patienten werden als Kunden gesehen und wahr genommen. Freundliche, aber bestimmende sowie konsequente Kommunikation und ebensolches Handeln sind die Basis für ein erfolgreiches Miteinander. Gegenseitiger Respekt stellt dabei eine wesentliche Ausgangsbasis dar.
    2. Die Terminierung erfolgt so schnell wie möglich und so effizient wie nötig. Der Kunde wird nicht als „Leidender“ betrachtet, sondern als Individuum, welches meine Hilfe benötigt, sei es durch ein Gespräch, entsprechende Edukation oder Handlungsanweisungen. Diese sollten so schnell als möglich zum Einsatz gebracht werden. Dabei ist unbedingt zu priorisieren. Akute Ereignisse bedürfen eines schnelleren Eingreifens, als chronische, seit Jahren manifestierte Ereignisse.
  2. Kundenbindung.
    1. Mein Ziel muss es sein, Kunden so schnell wie möglich zu helfen - sei es durch Trainings- oder Bewegungsanweisungen, durch geeignete „Hausaufgaben“ oder durch andere Interventionen, die ich auf der Basis des evidenzbasierten Praktizierens dem Patienten gegenüber kommuniziere. Ich fordere ggf. eine Änderung des Lifestyle vor der intensiven manuellen Intervention. Ich fordere Mitarbeit, statt passives Verhalten. Ich fordere und fördere Aktivität, statt eines passiven Verhaltens seitens des Kunden. Immer mit dem Ziel, innerhalb von zwei bis maximal drei Behandlungen einen Erfolg verbuchen zu können und den Kunden so schnell als möglich in den Alltag „entlassen“ zu können.
    2. Ich betreue meine Kunden über die persönliche Anwesenheit hinaus und umfassend. Regelmäßige Kontrollen des Erfolges gehören ebenso dazu, wie Telefoncoaching, Skype-Videokonferenzen oder Betreuung mittels modernen Medien wie WhatsApp oder Applications for Android or iOS.
  3. Strategisches Vorgehen.
    1. Einer zwingend erforderlichen, umfassenden Anamnese folgt eine Arbeitshypothese. Auf Basis dieser Arbeitshypothese erfolgt eine Probebehandlung, an die sich - je nach Ergebnis - eine konkrete Trainings- oder Behandlungsplanung anschließt.
    2. Abhängig vom Ergebnis der Probebehandlung sind Korrekturmaßnahmen die unmittelbare Folge.
    3. Ich teste, was notwendig ist. Ich verrenne mich nicht in Vermutungen, ich konstruiere keine Zusammenhänge, wo keine sind. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, ohne das gesamte Individuum aus dem Auge zu verlieren.
    4. Ich erstelle keine unzuverlässigen Prognosen und begrenze mich auf mein Kompetenzfeld.
    5. Ich biete dem Kunden über mein Kompetenzfeld hinausgehende Kooperationen mit FachärztenInnen oder KollegenInnen an.
    6. Ich erarbeite immer mit meinem Kunden zusammen eine Zielsetzung, bei der ich den Kunden unterstützen kann und die der Kunde gewillt ist, zu erreichen. Dazu bedarf es gegenüber meines Kunden einer klaren Kommunikation, was möglich ist und was nicht (siehe 3.4 sowie 3.5). Ziele werden schriftlich definiert und sind Teil einer umfassenden Dokumentation.
    7. Ich betreue meinen Kunden auf der Trainingsfläche individuell und nehme Abstand von pauschalisierten Aussagen und Trainingsplänen.
  4. Offenheit und Interesse gegenüber den Errungenschaften der modernen Medizin und der modernen Trainingswissenschaft.
    1. Ich zeige mich technischen Neuerungen gegenüber offen und interessiert.
    2. Ich unterstütze meine Kunden mittels Programmen wie Physiotools o.ä., Videos (z.B. YouTube) professionell und allumfassend. Regelmäßiges Feedback sind ebenso Bestandteil meiner Therapie wie die konsequente Nutzung von Testverfahren wie beispielsweise FitQuest. Ich nutze alle mir zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten wie Videounterstützung bei Trainingsprogrammen, Online-Präsentationen, Gerätschaften wie beispielsweise Pixformance und zeige mich offen gegenüber Applications wie beispielsweise Virtual Trainer.
    3. Ich orientiere mich an der Evidenz, verpflichte mich zur autodidaktischen Weiter- und Fortbildung, in dem ich Zugang zu medizinischen Datenbanken und mein Wissen diesbezüglich auf dem neuesten Stand halte und bringe.
    4. Ich distanziere mich von Verfahrensweisen, die derzeitig nicht dem Stand der Evidenz entsprechen und ihre Wirksamkeit nicht unter Beweis stellen können und konnten. Dies erscheint mir im Hinblick auf eine bevorstehende - zumindest teilweise - Akademisierung der Berufsbilder des Physiotherapeuten, des Logopäden und des Ergotherapeuten zwingend notwendig zu sein.
    5. Ich verpflichte mich, die notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse in einem separaten Lehrgang oder autodidaktisch zu erwerben, sofern sie nicht Bestandteil meiner Ausbildung sind.
  5. Ich präsentiere meinem Kunden eine ansprechende räumliche Ausstattung.
    1. Sollte ich Eigentümer von Räumlichkeiten sein, halte ich diese sauber und ordentlich.
    2. Der Kunde soll ein hygienisch einwandfreies Umfeld vorfinden.
    3. Die Räume sind offen, lichtdurchflutet (Tages- oder Kunstlicht), freundlich und dennoch neutral eingerichtet. Persönliche Bezüge haben in diesem Umfeld nichts zu suchen.
    4. Die Ausstattung ist zeitgemäß und modern. Die technischen Geräte werden regelmäßig gewartet und sind soft- wie hardwaretechnisch auf dem neuesten Stand.
    5. Beschädigte Geräte werden unverzüglich gesperrt und der Nutzung entzogen oder unverzüglich der Reparatur zugeführt.
    6. Ich achte auf eine ausreichende Individualität meiner Kunden und führe diese nicht ungefragt einer Gruppentherapie zu.
  6. Die Basis für mein gesamtes Wirken und Handeln sind Verträge.
    1. Ich führe mit meinen Mitarbeitern (sofern vorhanden) rechtlich einwandfreie Verträge. Diese müssen einer arbeitsrechtlichen Überprüfung jederzeit standhalten.
    2. Ich treffe deutliche und klar formulierte Vereinbarungen - sowohl mit meinen Kunden wie auch mit meinen Mitarbeitern.
    3. Ich stelle sowohl meine Preise transparent und verständlich nachvollziehbar dar wie auch meine Mitarbeiter einen Anspruch auf transparente Darstellung ihrer Gehälter haben.
    4. Ich kalkuliere meine Preise auf Basis meiner betriebswirtschaftlichen Grundkenntnisse anderen gegenüber fair und mache keine Dumpingangebote.
    5. Ich spreche Fehlverhalten der MitarbeiterInnen kommunikativ offen und unverzüglich an und ziehe die erforderlichen Konsequenzen.
    6. Ich schließe mit jedem Kunden einen Honorar- bzw. Behandlungsvertrag. In diesem Vertrag erhält der Kunde einen Überblick über die zu erwartenden Kosten sowie die Behandlungsabläufe. Gleichzeitig sind darin die aktuellen Datenschutzbestimmungen ebenso erfasst, wie Verfahrensweisen bei Nichteinhaltung der Terminierungen oder verspäteten Absagen. Ebenso sind Vereinbarungen bei Privatpatienten Bestandteil, sich im Vorfeld über die Zahlungsmodalitäten seiner Versicherung zu informieren.
    7. Ich halte mich in Zusammenarbeit mit gesetzlichen Krankenkassen an die derzeit gültigen Rahmenverträge und die darin verankerten Behandlungsabläufe - sowohl hinsichtlich der zeitlichen wie auch der monetären Vorgaben.

Was sich liest, wie ein Ehrenkodex, soll auch einer sein. Er ist jedoch auch die Basis für konsequentes und modernes Denken sowie Handeln in der Therapie.
Physiotherapie 4.0 ist modern und aufgeschlossen. Dazu gehört, Abstand zu nehmen von Behandlungsverfahren, die zwar auf teilweise mittelalterliche Erfahrungen zurückgreifen, mittlerweile aber von der modernen Medizin überholt wurden.

[...] Unter evidenzbasierter Praxis ("evidence based practice") im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche (autodidaktisches Vorgehen - der Autor) nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten. [...]. Beispiel: Wenn klinische Untersuchungen zeigen, dass eine manuelle Lymphdrainage präoperativ keine Vorteile bringt, ist diese nicht anzuwenden. Wenn klinische Untersuchungen zeigen, dass eine manuelle Lymphdrainage an der oberen Extremität nach Ablatio Mammae nicht effektiver ist, als eine Kompressionsbandagierung, ist auf die manuelle Lymphdrainage als der teuere und zeitintensivere Faktor zu verzichten.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Physiotherapie 4.0 ist das konsequente Nutzen moderner Kommunikationstechnologien. 
Eine Erstbefragung eines Patienten/ Kunden kann und soll Online erfolgen. Per Mail (WhatsApp ist dazu aus datenschutztechnischen Gründen nicht zulässig) können relevante Daten mittels eines eigens dafür entworfenen Fragebogens online abgefragt werden. So kann bereits im Vorfeld über die Dringlichkeit einer zeitnahen Terminvorgabe entschieden werden.
Honorar- und Behandlungsverträge können bereits vor dem ersten Erscheinen des Patienten/ Kunden Online ausgefüllt werden und liegen beim ersten Befundungstermin bereits vor. Selbstverständlich ist dem Autor bewusst, dass abhängig vom Klientel, ein Onlinekontakt obsolet ist.

Kurse können mittels Videounterstützung durchgeführt werden. Sowohl ein dafür erforderliches Tablet wie auch ein geeigneter Projektor sind heutzutage für Beträge von unter 500 Euro zu haben. Die Projektion vereinfacht und verdeutlicht die Darstellung und gibt dem Trainer deutlich mehr Möglichkeiten zur Korrektur seiner Klienten.
2 x 2 Klienten pro Stunde sind problemlos zu vereinbaren, wenn moderne Trainingssysteme wie Pixformance zum Einsatz kommen. Diese amortisieren sich bei regelmäßigem Einsatz schnell und zuverlässig. Der Flächenbedarf ist mit 4 Quadratmetern überschau- und in nahezu jeder Kabine umsetzbar. Während ein Klient sich in der 1:1 Betreuung befindet, absolviert der andere 15 Minuten lang auf Basis der Anamnese programmierte Bewegungsabläufe, welche durch Pixformance zuverlässig kontrolliert werden und dem Klienten Gelegenheit zur Eigenkorrektur geben.
Wackelbretter sind out. Systemen wie SensoPro gehört die Zukunft. Vielfältige Möglichkeiten im Koordinationstraining in jeder Schwierigkeitsstufe sind ebenso trainierbar wie die Kombination von Rumpf und Extremitäten oder die Kombination Koordination und Kraft. Sportartspezifisch oder Alltagsbezogen - Grenzen gibt es keine.
Schwerpunkt in allem Denken und Handeln der Physiotherapie 4.0 sind Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung. Das Wissen, wie Schmerz entsteht und verarbeitet wird, verbietet uns geradezu passives Handeln. Dem müssen wir Rechnung tragen, unser bisheriges Handeln kritisch hinterfragen und konsequent der Korrektur zuführen.

Autor Jürgen Pagel, 2019

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