Die Zeit ...

... ist wieder einmal reif. Für einen Kommentar zur aktuellen Entwicklung in Sachen Heilmittelerbringer.
TAL gGmbH hat aktuell die Ergebnisse einer Online-Befragung unter Ärzten veröffentlicht. Vielen Dank dafür. Tolle Arbeit und in meinen Augen sehr nützlich. Ich kann nur jedem empfehlen, die Ergebnisse sowie die damit verbundenen Recherchen aufmerksam zu lesen. Wenn gleich mit 165 Teilnehmern auch keine repräsentative Anzahl erreicht wurde, so zeigt sich doch eine seit - fast möchte ich sagen dramatische - Tendenz. Besserung? Keine in Sicht.


Auszug aus dem Gutachten von TAL gGmbH

Die vorzeitige Veröffentlichung eines Verordnungsvordrucks - dazu noch mehrfach mit Fehlern behaftet - seitens der KBV und des Spitzenverbandes der GKV ohne jedwede Rücksprache mit denjenigen, die es betrifft, ohne sich deren Rat und Meinung einzuholen (was sie auch nicht müssen) und ohne jedwede zeitliche Not, kommt einer Kriegserklärung gleich. Der große Goliath zeigt dem kleinen David, wo der Nagel hängt.

Das kann man sicher so machen. Zumal es dem Vorgehen der letzten - mindestens - 25 Jahren entspricht. Aber das zarte Pflänzchen einer sich langsam entwickelnden Diskussionskultur wird dadurch mit einem Schlag zertreten. Das wird wohl Absicht gewesen sein. Ansonsten müsste man der Vetretern der Ärzteschaft und der Krankenkassen Dummheit vorwerfen. So weit würde ich allerdings nicht gehen wollen. Nein, es war Absicht. Das war genauso kalkuliert. Das macht man nicht mal eben so im Vorbeilaufen.

Statt zu vereinfachen, wird es immer komplizierter. Die bevorstehenden Änderungen im Heilmittelkatalog sind nicht geeignet, von Vereinfachung zu reden. Da, wo Zeilen gestrichen wurden, werden sie an anderer Stelle wieder eingefügt. Statt endlich einen großen Wurf zu wagen und der kann nur heißen Abschaffung des Heilmittelkataloges sowie einheitliche Abrechnungs- sowie Verordnungsposition „Physiotherapie“, verliert man sich wieder im Kleinklein der Bürokratie. Gemeinsam stattfindende Gespräche mit Vertretern der Ärzteschaft sowie der Krankenkassen führen offenbar zumindest bisher nicht zu dem von allen Heilmittelerbringern erwarteten Erfolgen. Bis zur Einzug der Blankoverordnung sind es noch ein paar Monate hin, aber ich wage heute schon zu prognostizieren, dass sie entweder gar nicht kommt, auf sehr wenige Krankheitsbilder begrenzt werden wird (weil die Kolleginnen und Kollegen wieder einmal laut an sich selber zweifeln) oder mit soviel Bürokratie verbunden sein wird, dass sehr wahrscheinlich jeder ein Kreuz macht, dass der Kelch dieser Verordnungsform an ihm vorüber zieht.

Letztendlich haben es die KV’n in der Vergangenheit immer sehr gut verstanden, dass St.-Florians-Prinzip konsequent umzusetzen. Sie werden das auch weiterhin tun. Ein Arzt lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Heilmittelerbringer werden mittlerweile von der Mehrzahl der Ärzteschaft als Konkurrenz zu den Angeboten der individuellen Gesundheitsleistungen gesehen und verursachen angeblich Kosten, die bei ihnen schlussendlich zum Regress führen. Das wird so akzeptiert. Solange das Geld in die eigene Tasche fließt, gibt es auch keine Veranlassung, dagegen etwas zu unternehmen. In Einzelgesprächen, die ich immer wieder mit Vertretern der Ärzteschaft jedweder Coleur führen darf, klingt das zwar anders, aber auch das sind nur Willensbekundungen, die - sobald es an den eigenen Geldbeutel geht - reine Makulatur sind.

Willkommen im Haifischbecken der Privatisierung des Gesundheitswesens. Dieses System, dass mal als eines der besten der Welt galt, liegt am Boden. Da helfen auch alle Willensbekundungen nichts. Gar nichts. Am Boden. Aber richtig.

Verfolgt man dazu noch die Diskussionen über die Abschaffung des Heilpraktikers bzw. dessen Legitimierung und Vereinheitlichung der Ausbildung sowie die damit verbundene - durchaus berechtigte - Sorge der Physiotherapeuten, dass es dann künftig keinen sHP mehr geben wird und ein Arbeiten mit Patienten ohne jedwede ärztliche Verordnung nicht mehr möglich ist, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.
Man könnte das auch mit der Überschrift titulieren: Ein Berufsbild wird demontiert.

Ich weiß persönlich nicht, wie weit die Verhandlungen der Verbände mit dem G-BA bzw. Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen und Verantwortlichen der Ärzteschaft gediehen sind. Mir fällt nur auf, dass von der anfänglichen Transparenz wenig bis gar keine Reaktionen mehr an die Öffentlichkeit gelangen. Sollte hier über große Teile der Verhandlungen Stillschweigen vereinbar worden sein, so ist das m.E. nicht tragbar und an Intransparenz kaum zu überbieten. Wir sind also wieder - wie die Jahre zuvor - bei Verhandlungen im stillen Kämmerlein angelangt.

Bei aller zuletzt aufkommenden Sympathie gegenüber den Berufsverbänden - sie müssen aufpassen, dass sie nicht unter die Räder kommen und sich erneut das Bild von einem zahnlosen Tiger verfestigt. So ist keine Einigung innerhalb des Berufsbildes zu erzielen.

Wir sind also an dem Punkt angekommen, wo es gilt, das Beste, das Optimale aus dem System herauszuholen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Jeder für sich. Jeder gegen jeden. So habe zumindest ich mir das 1986 mit Erlangung meiner Berufsurkunde nicht vorgestellt.

(c) Jürgen Pagel 2020

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