Direkt zum Hauptbereich

Sind Heilmittelerbringer systemrelevant?

Systemrelevanz – ein Kommentar von Jürgen Pagel

 

Was bedeutet Systemrelevanz?
Als systemrelevant (englisch systemically important, englisches Schlagwort dazu too big to fail, deutsch ‚zu groß zum Scheitern‘) werden Unternehmen bezeichnet, die eine derart bedeutende wirtschaftliche Rolle spielen, dass ihre Insolvenz vom Staat oder der Weltgemeinschaft nicht hingenommen werden kann. [Wikipedia]

 

2019 traten wir den Kampf an, HME relevant für dieses System zu machen. Relevant deswegen, weil uns diese Relevanz in den vergangenen mehr als dreißig Jahren offensichtlich nicht zuerkannt wurde. Die Grundlohnsumme, als das zentrale Bemessungsinstrument für die Lohnentwicklung im Gesundheitsbereich und gleichzeitig Haupteinnahmequelle des Gesundheitsfonds, verhinderte eine Anpassung an den Markt. An der Inflationsrate vorbei, mussten Heilmittelerbringer jahrzehntelang hinnehmen, dass Preise stiegen, die Lohnentwicklung der Angestellten und die Vergütungssätze der Krankenkassen jedoch so niedrig blieben, dass eine Beitragserhöhung vermieden werden konnte.

 

Fortbildungsverpflichtungen - trotz einer dreijährigen Ausbildung - führten zu einem Anteil der Zertifikatsleistungen allein im Bereich der Physiotherapie von 54%. Nach drei Jahren intensiver Ausbildung war es demzufolge einem Physiotherapeut nur eingeschränkt möglich, die Früchte seines Lernens zu ernten. Das lässt sich wohl kaum mit dem Begriff Systemrelevanz beschreiben.

 

Nun ist es wieder soweit. Nach unzähligen, teils großartigen Veranstaltungen, gelang es, sich der Fesseln der Grundlohnsummenbindung zu entledigen – noch nicht endgültig, aber immerhin. Zwei Jahre Gehaltssteigerungen liegen hinter uns. Wer aber nun dachte, dass wir relevant für dieses System wurden, sollte sich getäuscht sehen. Nach wie vor fehlen Anerkennung - Anerkennung seitens der Patienten, Anerkennung in der Politik unserer Regierung, Anerkennung in der Öffentlichkeit. Einiges soll vereinfacht werden – beispielsweise die Zulassungsvoraussetzungen für eine Praxisgründung sowie die Heilmittelrichtlinien, wobei beide Maßnahmen wohl erst dieses Jahr abschließend verhandelt werden. Anderes wurde zunehmend erschwert – der bürokratische Aufwand ist nach wie vor exorbitant. Das gipfelte 2019 wie 2020 in einer beispiellosen Regresswelle der IKK Classic sowie ständigen Unstimmigkeiten (trotz klarer Gesetzeslage) über Abrechnungspositionen und der unsäglichen Rezeptprüfpflicht. Auch hier fehlt es an Anerkennung seitens der Vertragspartner, den gesetzlichen Krankenkassen. In diesem Zusammenhang ist bis zum heutigen Tag keine Relevanz für das System zu erkennen.

 

Bis zum heutigen Tag. Bis zum 16. März 2020. Nun hat uns die Bundesregierung plötzlich für systemrelevant erklärt. Verantwortlich dafür dürfte jedoch nicht die Einsicht gewesen sein, welche Bedeutung Heilmittelerbringer tatsächlich für dieses (Gesundheits)system haben, sondern vielmehr ein Virus namens COVID-19 oder auch hinlänglich unter der Bezeichnung Corona-Virus bekannt.

Es hat dafür gesorgt, dass wir Systemrelevanz erhalten haben.

 

Was bedeutet das?
Praxen der Heilmittelerbringer müssen im Krisenfall geöffnet bleiben, weil sie und ihre Leistung von systemrelevanter Bedeutung sind. Systemrelevant deshalb, weil es billiger ist, Therapeuten einer Infektionsgefahr auszusetzen, anstatt ihnen im Falle einer behördlichen Schließung, Entschädigungen zu zahlen. Nicht notwendige Operationen werden verschoben, es finden so gut wie keine orthopädisch-chirurgischen Operationen mehr statt, die einer therapeutischen Intervention bedürfen. Die Zahl der Patienten, die eine therapeutische Behandlung benötigen, ist überschaubar. Schlaganfall-, Herz-, und Unfallpatienten müssen versorgt werden. Keine Frage. Allerdings verfügt mittlerweile nahezu jedes Krankenhaus über eine therapeutische Abteilung, die eine zumindest ausreichende Erstversorgung der Patienten nach akuten Ereignissen übernehmen kann. Darüberhinaus könnte im Bereich der ambulanten Versorgung mittels eines Notdienstes eine Versorgung dieser Patienten sichergestellt werden.
Andererseits schließen Alten- und Pflegeheime ihre Pforten auch für Therapeuten, die dort bislang ein- und ausgingen. Darauf kann nun erstaunlicherweise mit der Begründung der Infektionsgefahr durch Einwirkung von Außen verzichtet werden. Patienten sind angehalten, zu Hause zu bleiben, nur noch das Nötigste zu erledigen, nicht mehr am öffentlichem Leben teilzunehmen. Konsequenz sind zunehmende Absagen mit der Folge von weiterlaufenden Kosten, Kurzarbeit und Entlassungen, weil die Praxen offen bleiben müssen – auch wenn keine Patienten mehr kommen. Wahnsinn.

 

Und das alles mit unzureichendem Infektionsschutz, denn das Material ist knapp. Mundschutze FFP1 kosten das 10fache bei gleicher Packungsgröße (welcher ja angeblich noch nicht einmal wirkungsvoll gegen das Corona-Virus sein soll), FFP2 ist kaum noch zu erhalten und wenn, dann mit mehrwöchiger Lieferfrist und zu Preisen, die eine Praxis mit 10 und mehr Mitarbeitern an den Rand des Ruins treiben (Beispiel Rehazentrum mit 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, täglicher Wechsel = 45 pro Tag/ 225 pro Woche). Desinfektionsmittel gedeihen zwischenzeitlich bei fallenden Börsenkurse zur Kapitalanlage. Die Berufsgenossenschaft schreibt im Rahmen des Infektionsschutzes vor, dass der Arbeitgeber einen ausreichenden Infektionsschutz seiner Mitarbeiter sicher zu stellen hat. Kann dieser nicht erfolgen, ist die Praxis zu schließen. Wiederum auf eigene Kosten und ohne den Anspruch auf Entschädigung. Weil der Heilmittelerbringer über Nacht systemrelevant geworden ist.

So schnell kann das gehen. Gestern noch unbedeutend, so unbedeutend, dass in keinem Pamphlet der Landesregierungen Heilmittelerbringer, die immerhin 300.000 Arbeitsplätze stark sind, Erwähnung finden. Da wurden selbst Bordellbetreiber und Prostituierte häufiger genannt. Obwohl diese wohl nicht systemrelevant sind, erhalten sie bei behördlicher Schließung der Definition zu Folge eine Entschädigung auf Basis des letzten Steuerbescheides. Bei den Heilmittelerbringern (natürlich nicht nur bei denen) bucht das Finanzamt noch schnell die Einkommenssteuervorauszahlung ab, bevor der Geldbeutel und das Konto des Schuldners endgültig leer sind.

Wenn wir so systemrelevant sind, dass wir uns einer deutlich erhöhten Infektionsgefahr aussetzen dürfen, zumeist ohne den entsprechenden Schutz, weil dieser nicht zur Verfügung steht oder einfach kein Geld dafür da ist – also ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz als das kleinere Übel angesehen werden muss, dann sollte das auf alle Zeiten so feststehen und uns in Zukunft die Aufmerksamkeit zuteil werden, die diese 300.000 Menschen tatsächlich auch verdient haben. Dann müssen die Vergütungssätze nach vielen Jahren freiwilliger Fort- und Weiterbildungen, nach privat finanzierter dreijähriger Ausbildung, noch einmal um mindestens 50% steigen, damit die Kolleginnen und Kollegen wenigstens ansatzweise aus der drohenden und in Erkenntnis dessen, dass die Renten eben nicht sicher sind (da hat der Herr Blüm seinerzeit ganz schön gelogen), Altersarmut befreit werden.

 

Da diese Forderung jedoch Makulatur bleiben wird, weil die Regierung und ihre Politik Möglichkeit sich dem Desinteresse der gesetzlichen Krankenkassen gegenüber sehen, muss die Forderung eine andere sein – zumindest für diesen Moment auf Grund der Systemrelevanz (siehe Definition zu Beginn des Schreibens):

 

1.     Sofortige Schließung aller physiotherapeutischen Einrichtungen inkl. der Zentren für Rehabilitation mit entsprechender Entschädigung im Rahmen einer Soforthilfe, welche nicht über Kredite finanziert wird, weil diese zu einem späteren Zeitpunkt die Liquidität entscheidend einschränken werden.

2.     Für Praxen, die im Rahmen eines Notdienstes akute Patienten versorgen, ist durch die verantwortlichen Institutionen auf Grund der Systemrelevanz ein ausreichender Infektionsschutz sicherzustellen.

 

Alle anderen Maßnahmen entsprechen nicht der Definition der Systemrelevanz, die zur Aufgabe hat, Insolvenzen um jeden Preis zu vermeiden. Im Augenblick scheint es eher so zu sein, als das man Kollateralschäden geflissentlich in Kauf nimmt, um für Großunternehmen, Banken und Konsortien ausreichend Kapital zur Verfügung stellen zu können. 

Die meisten Unternehmen können ohne Probleme ihre Funktionen aufrecht erhalten. Es gibt beispielsweise für Krankenkassen keine konkreten Grund, ihren Mitarbeiter ein Homeoffice einzurichten. In Büroräumen ohne Publikumsverkehr besteht auf Grund eines ausreichenden Abstandes keine Infektionsgefahr. Gleiches gilt für die Ankündigung der Krankenkassen, sich künftig mehr Zeit für die Erstattung der Rezeptabrechnungen der HME zu lassen – Überarbeitung scheint mir kein angemessener Ausdruck zu sein. Letztendlich ist es mehr als unverschämt und ein Hohn für systemrelevante Vertragspartner, dass sie noch länger auf ihr Geld warten sollen, als das bisher schon der Fall war. Es wird allerhöchste Zeit, diesem blasiertem und herabblickendem Verhalten Einhalt zu gebieten!

 

Findet diese seitens der Regierung propagierte eigennützige Systemrelevanz keine Anerkennung, wird sich der Fachkräftemangel in einer Form verschärfen, der nicht nur die Mehrzahl der therapeutischen Einrichtungen in die Insolvenz zwingt, sondern auch einen erheblichen Steuerausfall verursacht – nicht nur durch die Heilmittelerbringer selbst, sondern vor allem durch Patienten, die ihre Berufsfähigkeit nur verzögert erlangen, deren Krankheitsdauer sich verlängern und deren Prognose sich nach der Entlassung deutlich verschlechtern wird.

 

Das zu erkennen ist nicht schwer. Offensichtlich fehlen jedoch die Experten, die mit Weitblick und dennoch Augenmaß sowie einem gesunden Urteilsvermögen im Stande sind, kritische Situationen zu verhindern und sollte dies nicht gelingen, wenigstens effektive Schadensbegrenzung betreiben.

 

Zum heutigen Zeitpunkt lese ich nur Fluggesellschaften, Restaurantketten (die auch vor der Krise schon angeschlagen waren) u.ä., die Strukturhilfen in vielfacher Millionenhöhe beantragen und zweifelsfrei auch genehmigt bekommen. Sind diese systemrelevant? Nein. Flughäfen werden ebenso wie Restaurants geschlossen.


©Jürgen Pagel 2020

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Flaggen in der Physiotherapie

In den letzten Jahren beginnt sich in der Medizin im Allgemeinen und in der Physiotherapie im Besonderen ein Modell durchzusetzen, das als Flaggenmodell (Bigos, Bowyer et al. 1994) bezeichnet wird.
Was steckt dahinter? Werden Physiotherapeuten jetzt zu Seefahrern?

CMD - ein vielschichtiges Krankheitsbild

CMD - viele Menschen haben sie, aber wenige wissen etwas damit anzufangen. Es gibt kaum ein komplexeres Krankheitsbild, als die "Craniomandibuläre Dysfunktion". Was sich dahinter verbirgt, lesen Sie hier.

Sie wollen mehr darüber wissen? Sie möchten eine verlässliche Befundung und benötigen fachlichen Rat?
Gerne stehe ich Ihnen mit den, am Ende des Artikels genannten Kontaktdaten zur Verfügung.