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Professionalisierung der Physiotherapie

Ein Artikel von Daniel Bombien, der es m.E. wert ist, Beachtung zu finden. Wie in anderen Bereichen auch, treibt das Denken und Handeln um die Evidenz Blüten. Therapeuten werden zum Umdenken gezwungen. Aber nicht nur sie, sondern auch Verantwortliche im Gesundheitssystem müssen einer Veränderung der Denkweise Rechnung tragen. Die „Altvorderen“ haben die Verantwortung, eingefahrene Muster zu verlassen und sich einem veränderendem Bild der therapeutischen Berufe zu stellen.


Es wird allerhöchste Zeit, die therapeutischen Berufe neu zu definieren und die Erkenntnisse der psycho- und physiologischen Wissenschaft in alle Themenfelder zu integrieren.


[...] Da strukturelle myofasciale Effekte von manuellen Interventionen als unwahrscheinlich gelten, ist mittlerweile häufig von neuromodulativen Effekten zu lesen, die die Techniken bewirken sollen. In diesen Fällen werden Teile der Schmerzwissenschaft bewusst genutzt, um weiterhin das Applizieren passiver Techniken zu rechtfertigen, wohingegen außer Acht gelassen wird, dass sich neuromodulative Effekte auch ohne Therapeuten bewirken lassen. Zudem scheint Therapieabhängigkeit, beziehungsweise ein Mangel an Selbstwirksamkeit ein Hauptförderer von Schmerzchronifzierung zu sein. Und diese führt letzten Endes zu „Dauerpatienten“, Wartezeiten in Physiotherapiepraxen und Fachkräftemangel.


Eine flächendeckende evidenzbasierte Praxis und die dafür wahrscheinlich notwendige Akademisierung des Berufes ist die einzige Möglichkeit, die Physiotherapie in Deutschland zu professionalisieren. Therapeuten die argumentieren, dass dies überflüssig sei, weil man doch Therapeuten bräuchte, die „Acht Stunden am Tag an der Bank“ stehen, verschließen die Augen vor der Realität. Moderne Physiotherapeuten stehen nicht an der Bank. Moderne Therapeuten sind Coaches und Berater. Durch breites Wissen über Bewegung und Schmerz sind sie in der Lage, erst zuzuhören und anschließend Patienten individuell zu informieren und zu beratschlagen. Sie sehen den Menschen als Ganzes und nicht nur seinen Muskelskelettapparat. Durch Hilfe zur Selbsthilfe führt evidenzbasierte Praxis zu mehr Lebensqualität, auch außerhalb der Therapieräume. Den breit gefächerten Katalog der Therapiemöglichkeiten bildet dabei die wissenschaftliche Datenlage. Welche Methoden für den Einzelnen am sinnvollsten sind, bestimmen Therapeut und Patient erst nach Betrachten dieses Kataloges in einer gemeinsamen Entscheidungsfindung. Evidenzbasierte Praxis ist ein Qualitätsmerkmal. Keine Therapiemethode.[...] D. Bombien


Vollständiger Artikel https://physio.de/community/news/wissenschaft-ist-keine-therapiemethode/99/10206/1#trenner

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